Freispruch, meine Liebe! – Ein Ritual für wacheres Lieben. – Pierre Lischke
Freispruch, meine Liebe! – Ein Ritual für wacheres Lieben.

Freispruch, meine Liebe! – Ein Ritual für wacheres Lieben.

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Freispruch, meine Liebe! – Ein Ritual für wacheres Lieben.

Am 1. Januar gestaltete ich mit ein paar Freund*innen ein kleines Neujahrsritual im Wald. Wir suchten kleine Zweige und Rindestücke und stapelten daraus ein Minilagerfeuer in einem ...

Am 1. Januar gestaltete ich mit ein paar Freund*innen ein kleines Neujahrsritual im Wald. Wir suchten kleine Zweige und Rindestücke und stapelten daraus ein Minilagerfeuer in einem kleinen gebuddelten Erdloch. Bevor wir es entzündeten, schrieben wir unsere persönlichen Wünsche für 2018 auf Zettel, die wir später den Flämmchen übergaben, damit sie gehört wurden und wir uns von der Anhaftung an ihre Erfüllung lösen konnten. Das Ritual endete mit einem spontanen synchronen Wegpusten der Asche und einem Gefühl von greifbarer Magie.

Auf einem meiner Zettel stand der Wunsch: Lieben lernen.

Spieglein, Spieglein

Ich habe in der Vergangenheit immer wieder die Erfahrung gemacht, dass auf von mir klar ausgesprochene oder bewusst niedergeschriebene Wünsche, Fragen und Gebete verblüffend treffende und rasche Antworten kommen. Und so war es auch diesmal. Schon in den ersten drei Monaten bin ich wie im Schnelldurchlauf mit Frauen in Kontakt gekommen, durch die ich gnadenlos gespiegelt bekommen habe, was ich an verschiedenen tiefen Sehnsüchten mit mir rumtrage und welche Muster und Dynamiken das kreiert.

So als würde das Universum sagen: Du willst lieben lernen? Na dann schau dir mal an, was du da noch zu lernen hast!

Da durfte ich z.B. den Pierre erneut in mir kennen lernen, der in eine Lehrer-Schülerin-Dynamik reinrutscht, ganz viel Raum für emotionale Prozesse bei der Frau halten will und ihr unbewusst beibringen will, was er an Beziehungsfähigkeit gelernt hat. Dabei verliert er aber aus dem Auge, was die Frau eigentlich für eigene Beziehungsfähigkeiten mitbringt.

Oder den Pierre, der sich insgeheim nach einer Frau sehnt, die auf dem intensivsten spirituellen Level mit ihm verbunden sein kann, wo alles Wunder, Magie und übernatürlich ist und die – ganz wichtig –  seine wildesten Gedanken und Empfindungen über das Universum versteht und teilt.

Oder den Pierre, der plötzlich alle anderen Freundschaften ausblendet, wenn er denkt, dass er einer Frau begegnet ist, die ihm alles erfüllen kann, was er an zwischenmenschlicher Interaktion braucht. Geborgenheit, Sexualität, Komplizentum, emotionale Verbundenheit… die Liste ist lang. Und der dann seine eigenen Impulse und Bedürfnisse vollkommen denen der Frau unterordnet und sich klein und abhängig macht.

Was mir nicht gelang: Den Frauen als den Menschen begegnen, die sie tatsächlich sind und nicht als denen, die mein sehnsüchtiger Anteil aus ihnen macht.

Auf dieses Spiel hatte ich keine Lust mehr und traf eine Entscheidung. Ich werde mich meinen Projektionen stellen, ich werde sie benennen, ich werde sie umarmen und ich werde ihnen ihre Macht nehmen.

Aber wie?

Als ich wieder im Miteinander mit einer Frau diese Dynamiken bemerkt habe, kam in mir der Impuls auf, sie freizusprechen. Freizusprechen davon, dass sie erfüllen muss, was mein inneres Kind in ihr sucht. Über mehrere Tage reifte dieser Gedanke, wuchs von der Idee, einen Brief zu schreiben, allmählich zu der Klarheit an, dass es für mich ein richtiges bewusstes Ritual dafür braucht. Ein echtes Freisprechen.

Der Freispruch und der wilde Mann

So schrieb ich über mehrere Tage hinweg einen dreiseitigen Freisprechbrief an sie und ging mit ihm in denselben Wald, wo auch schon das Neujahrsritual stattfand. Es waren an jenem Tag um die -8°C. Ich bat beim Betreten des Waldes die Naturelemente um Unterstützung, rief einen Freund aus meiner Männergruppe an, um mit ihm die Intention meines bevorstehenden Rituals zu teilen und ließ mich von meiner Intuition leiten, um den passenden Ort für das Freisprechen zu finden.

Er fand mich: eine 10 Meter lange und 5 Meter breite Kuhle, der Boden hauptsächlich mit Moos bedeckt, vereinzelte Bäume und in der Mitte ein weites Loch von ca. einem halben Meter Tiefe. Der Boden des Lochs war mit schwarzgrauem Sand bedeckt, wie ein gut aufgeräumter Lagerfeuerplatz. Durch die Baumwipfel schien die Sonne des frühen frostigen Nachmittags. Hier sollte es passieren.

Nach einem Moment des vertraut Machens mit dem ausgewählten Platz, stellte ich mich in das Loch. In der einen Hand den Freisprechbrief, in der anderen mein Handy – bereit eine Sprachnachricht meines Vorlesens aufzunehmen. So wie ich es vorher mit der Frau verabredet hatte. Ein tiefer Atemzug, der Wald als mein Zeuge. Ich las. Ich las die Worte, die ich seit Tagen am Formulieren war und mehrere Male gedanklich gelesen hatte und versuchte so zu lesen, als ob ich die Worte jetzt erst entdecken und verstehen würde.

Nacheinander ließ ich die drei Blätter in das Loch zu Boden fallen. Dann Stille. Bis hierhin hatte ich das Ritual durchdacht, nun übernahmen das Ritual selbst, die Sonne, die Bäume, die Vögel und mein Körper den Verlauf. Ich holte ein Feuerzeug aus meiner Jackentasche und zündete die drei Papiere an. Durch die Kälte entstand kein loderndes Feuer. Stattdessen verkokelten die Blätter so langsam, dass ich nur alle halbe Minute erkennen konnte, dass sich die Hitze tatsächlich weiter durch das Papier fraß. Die Kontrolle über die Geschwindigkeit des Rituals lag nicht mehr bei mir. Als der letzte weiße Zipfel zu Grau wurde und zerfiel, hatte ich den Impuls, die Kuhle nun zu verlassen. Doch sie bat mich, noch zu bleiben. Ich sei noch nicht fertig. Es sei noch nicht fertig.

Ein tiefer innerer Schmerz klopft leise an. Der Schmerz des Freisprechens. Der Schmerz, dass niemand im Außen mich retten kann. Dass da keine „Mama“ kommen wird, die mir immer genau das gibt, was ich brauche. Ich knie mich hin und beuge mich nach vorne. Meine geballten Fäuste schlagen auf den kalten Moosboden und verleihen dem Schmerz Ausdruck. Warme Sonnenstrahlen wecken mich aus dem Kampf und geleiten mich an einen vollkommen angestrahlten Baumstamm. Tiefe Atemzüge lassen meinen Körper größer und kleiner werden. Ich ziehe meine Mütze aus, dann meinen Schal, ich schmeiße die Jacke vor mir zu Boden, ziehe den Pullover über meinen Kopf, befreie mich aus meinem T-Shirt und ziehe auch das Thermoshirt aus. Mein nackter Rücken lehnt an die Rinde des Baumes, die Sonne trifft auf meinen freien Oberkörper. Stille. Ich fühle Kraft in mir. Ich trotze für einen Moment der beißenden Kälte. Rasch ziehe ich meine Kleidung wieder an. Ein paar Schritte nach links, dann fang ich an, auf der Stelle zu stampfen. Wie ein wildes Tier. Wie einer, der klar macht, dass er da ist. Wie einer, der seine Kraft erweckt, seine Urkraft. Wild und Rhythmisch, wie der Takt eines neuen Ichs. Mit großen Schritten schreite ich nun aus der Kuhle. Dort oben bleibe ich stehen, spanne meine Arme an und schwinge sie mit zackigen überkreuzenden Bewegungen vor meiner Brust, begleitet von zweimaligen kräftigen Ausatmen. Dann drehe ich mich um 90° nach rechts und wiederhole diese Bewegung, drehen, wiederholen, drehen, wiederholen, drehen. Vor mir ist ein Pfad, den ich entlangstampfe. Mein Mund macht schnaubende Geräusche. Ein paar Meter weiter bleibe ich vor einer Weggabelung stehen. Ich hole tief Luft und brülle mit all meiner Kraft und lausche wie der Wald die Schallwellen weiterträgt.

Das Geschenk des Freisprechens: Die Erweckung des in mir schlummernden wilden erwachsenen Mannes. Freiheit. Größe. Attraktivität. Klarheit.

Die Sonne berührt zart mein Gesicht, streichelt meine Stirn, liebkost meine Wangenknochen, kitzelt meine Nasenspitze, sagt „Ja“ zu dem, was die letzten Minuten mit mir und durch mich geschehen ist.

Mein Atem wurde ruhiger. Immer wieder zuckte mein Körper und lud mich zum Zittern ein. Ich machte mich allmählich auf den Rückweg, durchquerte weiter zitternd, stampfend, schnaubend, hüpfend den Wald, und entließ nacheinander die Naturelemente, die mich unterstützt hatten und bedankte mich bei ihnen. Am Ende des Waldgebietes trug die erste auftauchende Straße den Nachnamen der Frau in sich, die ich freigesprochen hatte.

Das Ritual war nun vorbei.

Und ich ein anderer, ein freierer, ein aufrechterer, ein wacherer.

Der Freisprechbrief

Weil es die Chance birgt, dass es berührt, bewegt, erinnert, provoziert und unterstützt, möchte ich den Freisprechbrief in anonymisierter Form freigeben und frei geben, zum Lesen und zum Teilen.

Liebe Frau, der ich begegne.

Ich erkenne an, dass ich, ein freier Mensch bin
Ich erkenne an, dass Du, Frau, der ich begegne, ein freier Mensch bist.

Ich spreche Dich frei.

Ich erkenne an, dass es in mir eine große Sehnsucht nach einer reifen, erwachsenen, heilenden Liebesbeziehung mit einer Frau gibt.  Ich erkenne an, dass Du nicht verantwortlich dafür bist, diese Frau für mich zu sein und mir die Sehnsucht nach dieser Liebesbeziehung zu erfüllen.

Ich spreche Dich frei.

Ich erkenne an, dass es in mir eine große Sehnsucht gibt, mit all meinen Schatten, Schmerzen und Wunden gesehen, geliebt, geschützt, gehalten und geheilt zu werden. Ich erkenne an, dass Du nicht verantwortlich dafür bist, mir diese Sehnsucht zu erfüllen.

Ich spreche Dich frei.

Ich erkenne an, dass es in mir eine große Sehnsucht gibt, mit einer Frau wilden, achtsamen, heilenden, ehrlichen, langsamen, zärtlichen, erforschenden, roughen, spontanen, magischen, sich weiter entwickelnden, verbundenen Sex zu erleben. Ich erkenne an, dass Du nicht verantwortlich dafür bist, mir diese Sehnsucht zu erfüllen.

Ich spreche Dich frei.

Ich erkenne an, dass es in mir eine große Sehnsucht gibt, eine Partnerin an meiner Seite zu haben, die mir den Rücken stärkt, mich bei meinen Träumen unterstützt, eigeninitiativ und inspirierend für mich ist und mich bei meiner Entwicklung fordert und in mein größtes Potential begleitet. Ich erkenne an, dass Du nicht verantwortlich dafür bist, diese Partnerin für mich zu sein und mir diese Sehnsucht zu erfüllen.

Ich spreche Dich frei.

Ich erkenne an, dass es in mir eine kindliche Sehnsucht nach einer erwachsenen Person gibt, die mir alles erfüllt, was mir meine Mama nicht erfüllen konnte. Ich erkenne den Schmerz an, der hinter dieser Sehnsucht liegt. Ich erkenne an, dass ich selbst verantwortlich dafür bin, der Erwachsene zu sein, der mir das erfüllt.

Ich spreche Dich davon frei, für die Erfüllung dieser Sehnsucht verantwortlich zu sein.

Ich erkenne an, dass ich unbewusst meine Sehnsüchte auf Dich projiziere, so wie ich sie auf Menschen vor Dir projiziert habe und auf Menschen nach Dir projizieren werde. Ich erkenne an, dass diese Projektion eine Trennung statt einer Verbindung zwischen uns kreiert.

Ich erkenne an, dass Du ein vielschichtiger, einzigartiger und eigenständiger Mensch bist, der in sich Gaben, Schätze, Weisheit, Dämonen, Schatten, Sehnsüchte, Bedürfnisse, Visionen, Ängste und Kräfte trägt.

Ich möchte Dir als dieser Mensch begegnen und nicht dem Bild, das ich von Dir kreiere.

Ich spreche Dich frei.

Ich erkenne den Schmerz an, den ich fühle, wenn ich Dich freispreche. Ich erkenne die Traurigkeit an, die ich fühle, wenn ich mich bereit dafür mache, dass meine Sehnsüchte nicht erfüllt werden. Ich erkenne die Freude an, die ich in mir spüre, wenn wir uns erwartungsfrei begegnen können.

Ich spreche Dich frei, nicht weil ich es für unmöglich halte, dass diese Sehnsüchte durch unsere Begegnung erfüllt werden können, sondern weil ich mich nicht davon abhängig machen will, dass das passiert.

Ich erkenne an, dass ich nicht weiß, wie es geht.

Ich spreche mich frei davon, es wissen zu müssen.

Hat sich selbst geheiratet, reist durchs Land und erzählt von Leben, die nicht in Lebensläufe passen. Ritualbegleiter in Ausbildung. Selbstexperimentateur von Konsumpause bis Grundeinkommen. Gedichtehebamme.

Comments ( 2 )

  1. ReplyJasmin
    Lieber Pierre, deine Erzählung und dein Brief haben mich sehr berührt. Danke, daß du dich so freigebig mitteilst und uns teilhaben läßt. Ich spüre deine Sehnsucht und den Schmerz und spüre auch meine Sehnsucht und meinen Schmerz darin. Und auch die Freude des Annehmens und Weitergehens, immer tiefer hinein in dieses unendliche Abenteuer Leben. Mit herzlichem Gruß, Jasmin
    • ReplyPierre
      Liebe Jasmin, danke für deine Worte! Das ist der allererste nicht-Spam-Kommentar, den ich hier bekomme, deswegen hat das Freischalten ein wenig gedauert, weil ich damit gar nicht gerechnet hab. Umso größer meine Freude jetzt von dir zu lesen. Und deine Worte sinken tief bei mir ein und ich fühle mich verbunden, danke! Wie heißt du den Artikel entdeckt? Alles Liebe, Pierre

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