Die Prophezeiung meines Namens

Die Prophezeiung meines Namens

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Die Prophezeiung meines Namens

„Hast du französische Wurzeln?“ Diese Frage wurde mir in meinem Leben schon hundertfach gestellt. Pierre ist ein französischer Name, die Frage also definitiv berechtigt. Französ ...

„Hast du französische Wurzeln?“

Diese Frage wurde mir in meinem Leben schon hundertfach gestellt. Pierre ist ein französischer Name, die Frage also definitiv berechtigt. Französische Wurzeln habe ich allerdings keine.

„Der Schauspieler von Winnetou hieß Pierre Brice und meine Mama fand den heiß.“

Das ist mittlerweile meine Routineantwort geworden. Darauf folgte meist kurzes Lachen, einige pflichteten mir noch bei, dass Pierre Brice ja auch wirklich wirklich schön war. Nächstes Thema. So verlief bisher der Großteil dieser Gespräche. Selten dachte ich in solchen Momenten tiefergehend über die Bedeutung meiner Namensgebung nach.

Im Juli, auf dem ersten Wochenende meiner 2,5-jährigen Weiterbildung in naturverbundener Ritualarbeit, wurde mir diese Frage wieder mal gestellt. Ich hatte meine Standardantwort schon auf den Lippen, doch dann hielt ich inne und war plötzlich sprachlos. Mit 25 Jahren habe ich etwas über meinen Namen verstanden, was allem, was ich bis dahin tat und wohin ich mich entwickelte, einen Sinn gab. Das letzte fehlende Puzzleteil. Und ich trug es seit meiner Geburt mit mir rum.

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Ein paar Schritte zurück. Seit Ende Februar war ich nomadisch durch Deutschland, Österreich und die Schweiz gereist. Hinter mir gelassen hatte ich, nunja, so ziemlich alles. Die WG, in der sich seit mehr als 3 Jahren wohnte, das Lehramtsprojekt, das ich 4 Jahre zuvor mitgegründet hatte und das seitdem meine Hauptbeschäftigung war, finanzielle Sicherheit, meinen Freundeskreis und mit alledem: Orientierung. Ich wusste nicht, wo es für mich langgehen sollte, wo mein Platz in dieser Welt ist, was als Nächstes in meinem Leben kommen sollte, ja, ob überhaupt was Nächstes kommen würde.

Sicher war nur: Es wird nicht mehr diese WG sein und es wird nicht mehr dieses Projekt sein. Beides war nicht mehr stimmig und verlangte nach Wandel.

Monate des Umhertreibens vergingen, an 10 verschiedenen Orten hatte ich bereits gelebt. Lange war nichts Neues in Sicht und das zehrte an meinen Kräften. Selbst wenn ich mich für ein neues Themengebiet oder eine Tätigkeit begeistern konnte, verflog das erfüllende Gefühl von „Yes, ich hab’s gefunden!“ meist schon nach wenigen Stunden. Doch dann, eines Tages, – ich war in den tiefsten Tiefen meiner Orientierungslosigkeit angekommen – sah ich auf Facebook* einen gesponserten Post für eine Weiterbildung in naturverbundener Ritualarbeit. Klick. Aus reiner Neugierde war ich auf der Webseite* gelandet und mit jedem gescrollten Zentimeter richtete ich mich gerader auf meinem Stuhl auf und nickte heftiger mit jedem gelesenen Absatz. In dem Moment selbst konnte ich nicht erklären, was mich an „Wirkung und Durchführung von Gebet, Intentionen und Anrufungen“ und „Räuchern mit Harzen und Heilkräutern“ so faszinierte, aber mein ganzes Wesen resonierte mit dem, was ich da las. Genau diese Weiterbildung war jetzt dran. Selbst, dass 2,5 Jahre die längste zusammenhängende Bildung sein würde, die ich seit dem Abitur wahrnahm, lies mich keine Sekunde zweifeln.

Die Erklärung dafür kam, als ich am ersten Tag der Weiterbildung die Frage über die Hintergründe meines Namens beantworten wollte.

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Gastlehrerin, und maßgeblich für die Inhalte des ersten Durchgangs der Weiterbildung verantwortlich, war Sobonfu Somé* aus Burkina Faso, Westafrika. Sie galt als eine der bedeutendsten spirituellen Stimmen Afrikas unserer Zeit und lehrte ihr Wissen über Rituale auf der ganzen Welt bis sie Anfang 2017 – nur wenige Monate nach dem abschließenden Weiterbildungsseminar des ersten Durchgangs – verstarb. Der erste Tag des Juilwochenendes – Beginn des zweiten Weiterbildungsdurchgangs – war dem Gedenken dieser beeindruckenden Frau aus der Dagara-Kultur gewidmet.

Wie ich erfuhr, bedeutet der Name Sobonfu „Hüterin der Rituale“. Wie passend! Ich nahm an, dass es in ihrer Kultur üblich war, im Laufe des Lebens, wenn sich die Berufung einer Person herausstellt, ihr einen passenden Namen zu geben, der jene Berufung widerspiegelte. Zumindest war das mein – zugegebenermaßen nicht sehr tiefgehendes – Wissen über indigene und naturnahe Völker. Während der Gedenkfeier allerdings wurde die tatsächliche Geschichte ihres Namens erzählt:

In der Kultur der Dagara hören die Mitglieder der Gemeinschaft ganz genau auf die Zeichen, während ein Kind im Bauch der Mutter heranwächst. Sie achten auf die Ereignisse, die der werdenden Mutter widerfahren, die Geschehnisse im Dorf und Entwicklungen in benachbarten Regionen und der ganzen Welt. Daraus leiten sie den besonderen Auftrag ab, den dieses ganz bestimmte Kind bzw. diese Seele auf der Erde hat. Und so erhielt Sobonfu ihren Namen tatsächlich schon bei der Geburt. Der Auftrag, das Wissen und die Bedeutsamkeit um die stammeseigenen Rituale zu bewahren und weiterzutragen, war ihr also sprichwörtlich in die Wiege gelegt. Spannenderweise wuchs sie dennoch wie jedes andere Kind in der Gemeinschaft auf, erlebte natürlich viele Rituale mit, aber niemand drängte sie, ihren Auftrag zu erfüllen. Erst später als junge Frau wurde sie in die USA geschickt, um ihrem Namen gerecht zu werden. Sie war schockiert, wie unverbunden und einsam die Menschen dort waren. Es dauerte nicht lange, bis sie erste gemeinschaftsstärkende Rituale in ihrer Nachbarschaft durchführte, später Bücher schrieb und nicht zuletzt auch in Deutschland ihr Wissen über mehrere Jahre im Rahmen der Weiterbildung weitergab.

All das hatte ich im Kopf, als ich die Frage nach dem Hintergrund meines Namens beantworten wollte. Ich erinnerte mich, wie meine Mama hin und wieder Andeutungen machte, dass sie sich einen Sohn mit langen Haaren (wie Winnetou) wünschte. Zu ihrem Unglück (und vielleicht meinem Glück) ließen das meine kräftigen Haare allerdings nie so richtig zu. Auch die große Begeisterung meiner Mama für Indianerbücher und -filme steckte mich nie wirklich an. Als ich daran dachte, wollte ich dieses Mal meiner Routine-Winnetou-Antwort noch hinzufügen:

„Aber ein Indianer* bin ich leider nie geworden.“

Diese Worte brachten es nicht über meine Lippen. Dafür war das „Mooooooooment mal!“ in meinem Kopf viel zu plötzlich und aufrüttelnd. Ein Indianer* bin ich nie geworden? Ich befand mich am Beginn einer 2,5-jährigen Weiterbildung in naturverbundener Ritualarbeit, würde mich mit „Wirkung und Durchführung von Gebet, Intentionen und Anrufungen“ und „Räuchern mit Harzen und Heilkräutern“ befassen, ja sogar einer der Gastlehrer, Sal Gencarelle*, hatte 17 Jahre in einem indigenen Stamm in Nordamerika gelebt.

Wenn ich gerade irgendetwas Benennbares werde, dann Indianer.
Vielleicht nicht in dem Sinne, wie es sich meine Mama vorgestellt hat oder wie Indianer in ihren Lieblingsbüchern porträtiert wurden, aber in dem Sinne, dass ich mich mit Ritualen, Naturverbundenheit und Gemeinschaftsaspekten von indigenen Kulturen verschiedenster Kontinente beschäftige. Und zwar wahrscheinlich auf die authentischste und tiefgehendste Art und Weise, die mir als Mitteleuropäer möglich ist, ohne einen anderen Kontinent zu besuchen.

Plötzlich ergab es vollkommenen Sinn, dass ich beim Lesen der Weiterbildungsbeschreibung mit den Inhalten so stark resonierte, obwohl ich mich bis dahin im Prinzip noch überhaupt nicht mit dem Themengebiet beschäftigt hatte. Meine Seele hatte damals direkt verstanden, mein Verstand noch nicht.

Dieser Moment hatte etwas so Bewegendes und zugleich so Erheiterndes für mich. Völlig orientierungslos war ich die letzten Monate auf der Suche nach meinem Auftrag in dieser Welt, nach meiner Aufgabe, nach etwas, das mir Sinn gibt. Ich habe unterwegs viele Menschen mit spannenden Wegen kennengelernt, aber immer gespürt, dass deren Wege nie ganz meine sein würden. Vor allem habe ich in der Ferne gesucht, im Unbekannten. Und plötzlich erkenne ich, dass mir mein Name, den ich seit immer bei mir trage, mit 25 Jahren etwas über meinen Auftrag in dieser Welt verrät. Es war die ganze Zeit da, direkt vor meinen Augen. Selbst meine Routineantwort hatte es mir schonungslos offengelegt. Anscheinend war die Zeit erst jetzt reif gewesen, zu verstehen. Wie auch bei Sobonfu, die erst in einem bestimmten Alter die Tragweite ihrer Namensgebung und ihrer Aufgabe begriff. Wie auch sie musste ich dafür mein gewohntes Leben in meiner gewohnten Umgebung konsequent loslassen, damit ich so offen sein konnte, für was da kam.

Nun bin weder ich noch meine Mama Teil einer indigenen Kultur, in der der Namensgebung diese Art von Zeichendeutung vorangeht und diese ganze Verkettung von Ereignissen kann einfach Zufall sein, unbedeutend und nichtssagend. Oder die Dagara haben recht und meine Mama hat mir diesen Namen mit so einer starken emotionalen Bindung und kraftvollen Intention mitgegeben, dass er tatsächlich Auswirkung auf mein Schicksal hat. Ich weiß nicht, wie das Universum funktioniert und da sich das wahrscheinlich nicht ändern wird, möchte ich mir beide Varianten der Interpretation als mögliche Wahrheiten bewahren. Womöglich spielen bei der Berufungsfindung Ebenen eine Rolle, die wir bisher völlig ignorieren.

Wenn ich das nächste Mal nach den Hintergründen meines Namens gefragt werde, antworte ich voraussichtlich mit:

Es hat mit Pierre Brice, dem Schauspieler von Winnetou, zu tun. Der Rest ist eine längere Geschichte.

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Photo by Luke Brugger on Unsplash

*Weiterführende Links und Kommentare

Die Facebookseite von Circlewise – Zentrum für Verbindungskultur (Veranstalter der Weiterbildung)
https://www.facebook.com/Circlewise/

Die Webseite zur Weiterbildung

Naturverbundene Ritualarbeit – Weiterbildung

Ein Nachruf auf Sobonfu Somé in der OYA
http://www.oya-online.de/article/read/2743.html

Sobonfus Webseite
http://www.sobonfu.com/

Vortrag von Sobonfu Somé “Embracing our gifts”
https://youtu.be/x6RwkD5vnVs

Interview mit Salvatore Gencarelle (Gastlehrer in der Weiterbildung)
https://www.facebook.com/Circlewise/videos/1537291689615217/

Der Begriff Indianer ist eine koloniale Fremdbezeichnung und nicht ganz unproblematisch, da er zum Beispiel Gruppen zusammenfasst, die sich selbst nicht zusammenfassen würden und die Unterdrückung und Ausbeutung indigener Kulturen teilweise verharmlost. Für den Zweck der Geschichte und den „historischen“ Kontext meiner Namensgebung (die Winnetoufilme), wo der Begriff „Indianer“ sehr gebräuchlich und positiv konnotiert war, habe ich mich trotzdem entschieden, diesen Begriff zu verwenden. Mehr dazu in folgenden Links:
Der Begriff „Indianer“
https://de.wikipedia.org/wiki/Indianer#Begriff

„Die Realität der Wirtschafts- und Naturbeziehung der nordamerikanischen Ureinwohner und ihrer Nachfahren ist komplexer als die deutschen Projektionen auf eben jene. Für die kulturellen Vorstellungen[12] der vielen nordamerikanischen Völker trifft dies gleichfalls zu. Das Jagdverhalten und der Umgang mit Brandrodung waren keineswegs nachhaltig. Sklaverei, brutale Kriegführung, Umweltschäden und der Aufbau von Herrschaftsbereichen und Imperien ist kein alleiniges Erbe der Europäer.[12] Die romantisierenden Bilder der Indigenen Nordamerikas sind durch die europäische (und spezifisch deutsche) konservative Kulturkritik vorgeprägt worden. Die entsprechenden Bilder haben ebenso das (historisch unzutreffende) Selbstbild der heutigen Indianer[12] beeinflusst.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Indianerbild_im_deutschen_Sprachraum

Hat sich selbst geheiratet, reist durchs Land und erzählt von Leben, die nicht in Lebensläufe passen. Ritualbegleiter in Ausbildung. Selbstexperimentateur von Konsumpause bis Grundeinkommen. Gedichtehebamme.

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