Als ich im Mangel war. (Gedicht)

Als ich im Mangel war. (Gedicht)

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Als ich im Mangel war. (Gedicht)

Als ich im Mangel von körperlicher Nähe war, ey da hab ich am ganzen Körper gezuckt wie auf Entzug. Da hab ich von Sex geträumt, der unerreichbar schien. Da hab ich bei der e ...

Als ich im Mangel von körperlicher Nähe war,
ey da hab ich am ganzen Körper gezuckt wie auf Entzug.
Da hab ich von Sex geträumt, der unerreichbar schien.
Da hab ich bei der ersten Umarmung geweint, weil es so versteinert in mir war.
Da hab ich mich zurückgezogen und versteckt und beinah Nähe verlernt.
Da hab ich geglaubt ganz fest, dass ich einfach nicht liebenswürdig bin.

Aber als ich im Mangel von körperlicher Nähe war,
bin ich nicht gestorben.

Als ich im Mangel von einem Zuhause war,
ey da hab ich geglaubt ganz fest, dass ich niemals einen Ort finden werde, an dem ich spüre „Hier bin ich richtig, hier darf ich bleiben, hier gehör ich hin.“.
Da habe ich sie alle gehasst, mit ihren harmonischen WGs, elterlichen Häusern, in denen sie voll gern jederzeit leben könnten.
Da hab ich so geweint, mich so haltlos gefühlt.

Aber als ich im Mangel von einem Zuhause war,
bin ich immer noch nicht gestorben.

Als ich im Mangel von Geld war,
ey da hab ich zehntausenden Euros verboten zu mir kommen.
Da hab ich geglaubt ganz fest, dass ich als Person Geld einfach nicht verdiene.
Da hab ich gesagt, dass ich keine Lust auf Theater habe, jedes Mal, obwohl ich Lust auf Theater hatte, jedes Mal.
Da habe ich bei der Begegnung mit Obdachlosen geglaubt ganz fest, ich habe nichts was ich dir geben kann.

Und wieder, als ich im Mangel von Geld war,
bin ich nicht gestorben

Als ich im Mangel von einer klaren Aufgabe war,
ey da bin ich durchgedreht.
Da hatte ich Angst, dass alles, was ich dieser Welt geben konnte, schon hinter mir liegt und da einfach nichts mehr kommt.
Da habe ich im inneren Vergleich mit allen, die auch nur ansatzweise tätig waren, versagt.
Da habe ich angezweifelt, dass ich je wieder leuchte.

Als ich im Mangel einer klaren Aufgabe war,
bin ich trotz allem nicht gestorben.

Ich habe weitergeatmet und
gemerkt, dass da
immer noch was ist,
was mich auffängt und
am Leben hält.

Ich habe weitergeatmet und
gespürt, dass Mangelempfinden
sich als Realität verkauft,
aber nur eine Brille mit
beschlagenen Gläsern ist.

Ich habe weitergeatmet und
verstanden, dass Mangel
eine Entscheidung ist,
die ich nicht treffen muss,
um mich
lebendig zu fühlen.

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Danke dir fürs Lesen dieses Gedichtes. Das sprudelte vor ein paar Wochen aus mir raus und eben habe ich es in meinen Mails wiederentdeckt 🙂.

Ich bin der Mangelbrille in den letzten Monaten sehr intensiv begegnet, hui. Mittlerweile erkenne ich sie ganz gut und auch die Gründe für ihr auftauchen. Laura Seiler – Mindful Empowerment hat einen großartigen Podcast dazu aufgenommen, der mir geholfen hat, mehr in die Fülle zu kommen, den ich hier mal teilen möchte: https://www.youtube.com/watch?v=7_ChlGzNLL0

Es ist und bleibt ein tägliches Üben <3

Möget ihr Fülle in euch kultivieren und Mangel enttarnen!

Pierre

(Photo by Charlie Deets on Unsplash)

Hat sich selbst geheiratet, reist durchs Land und erzählt von Leben, die nicht in Lebensläufe passen. Ritualbegleiter in Ausbildung. Selbstexperimentateur von Konsumpause bis Grundeinkommen. Gedichtehebamme.

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