Die deutlichste Kritik am Schenkeinkommen und meine Reaktion

Die deutlichste Kritik am Schenkeinkommen und meine Reaktion

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Die deutlichste Kritik am Schenkeinkommen und meine Reaktion

„Pierre, ich hab dich ewig nicht gesehen, weiß kaum, was du in letzter Zeit gemacht hast und kenne daher deine Hintergründe für dieses Projekt nicht. Ich fasse mir trotzdem regelmä ...

„Pierre, ich hab dich ewig nicht gesehen, weiß kaum, was du in letzter Zeit gemacht hast und kenne daher deine Hintergründe für dieses Projekt nicht. Ich fasse mir trotzdem regelmäßig an den Kopf, wenn ich hier auf Facebook über Updates deines Schenkeinkommens stolpere..

Ich schreibe hier als jemand, der in seinem Traumjob arbeitet und deshalb auch gerne mal 60, 70 oder 80 Stunden in der Woche arbeitet. Dass das nicht jedermanns Sache ist, kann ich mehr als verstehen. Vor allem, wenn der einzige Antrieb zur Arbeit im Geldverdienen liegt. In den meisten anderen Jobs wäre ich vermutlich auch eher der Typ für eine Teilzeitstelle.

Was du hier aber abziehst, macht mich sauer.

Unter dem Deckmantel der Philosophie, Kunst, eines Experiments oder whatever bettelst du Menschen an. Nur eben viel bequemer, als dass all die anderen Hilfsbedürftigen jeden Tag auf der Straße tun müssen, die in Obdachlosigkeit leben, traumatisiert sind, verrückt geworden oder durch eine andere Schicksalsfügung keine andere Möglichkeit haben, als zu Betteln.

An deiner Stelle würde ich mich so scheisse fühlen, mit dem gespendeten Geld zum nächsten Supermarkt zu rennen um mir eine Tafel Schokolade zu kaufen, während davor jemand in der Kälte steht und die Motz verkauft! Dein Plan ist von der Großzügigkeit der Gesellschaft zu profitieren und davon zu leben. Was aber gibst zu zurück? Wenn du jetzt sagen würdest: „Okay, ich will fortan ehrenamtlich arbeiten, Flüchtlingen deutsch beibringen, in der Suppenküche der Bahnhofsmission arbeiten und im Gegenzug lass ich mir meinen Lebensunterhalt von meinen Freunden finanzieren“ – ich würde meinen Hut vor dir ziehen!

Aber was machst du? Ein bisschen Rappen, ein bisschen Coachings geben, ein bisschen schreiben, ein bisschen performen..? Sind das deine Hobbies? Oder bist du darin so schlecht, dass dir niemand Geld dafür geben möchte? Okay, das war gemein.

Aber verstehst du meinen Punkt? Wie kannst du den Willen anderer Menschen etwas Gutes zu tun so hart ausnutzen, obwohl du nicht in Not bist? Schaust du gelegentlich über deinen Tellerrand hinaus? Wie kannst du nicht den starken Drang haben, das dir geschenkte Geld an Menschen weiter zu geben, die es viel viel viel dringender hätten geschenkt bekommen müssen?“

Mein Herz pumpt. Meine Hände schwitzen. Ich sitze auf meinem Lieblingssessel in Carinas abgedunkeltem Dachbodenzimmer ihrer Hildesheimer WG. Eingewickelt in eine Kuscheldecke, den Laptop auf meinem Schoß, leuchtet mir das Facebookblau entgegen. Ich drücke meine linke Hand auf meinen angespannten Bauch. Mein Blick sucht Carina, die gerade mit aufgesetzten Kopfhörern auf dem Boden kniet und mit bunten Farben auf einem großen braunen Papier malt. Ihre Bewegungen sind weit geschwungen. Mir scheint, als würden Tränen über ihre Wangen laufen. „Nicht der passende Zeitpunkt.“, denke ich und atme tief ein und aus, meine Hand weiterhin auf dem Bauch gedrückt.

Als ich zur Ablenkung in mein Mailpostfach klicke, sehe ich den Betreff einer gerade eingetroffenen Mail von PayPal: „Sie haben Geld erhalten.“

„So fern und doch ganz nah hat Ihnen 200,00 EUR gesendet

Mitteilung von So fern und doch ganz nah:
„Nehmen füllt meine Hände, geben füllt mein Herz <3
Weil ich mich von dir berührt fühle, weil ich dich verrückt finde, weil ich gerne gebe.“ “

Mein Herz pumpt noch stärker. Bis in meine Ohren. Ich atme flach und schnell. Ich löse auch die rechte Hand vom Laptop und lege sie auf meinen Bauch. Mein Blick löst sich vom Bildschirm. Innerhalb von 5 Minuten habe ich den bisher kritischsten Kommentar zu meinem Schenkexperiment gelesen und den bisher größten anonymen Geldbetrag geschenkt bekommen. In mir ist gleichzeitig Enge und Aufregung. Angst und Dankbarkeit. Ich platzte fast.

„Carina, hast du gerade ein Ohr?“

„Nein. Jetzt überhaupt nicht.“

„Perfekt. Danke!“

Ein klares Nein ist mir eines der schönsten, weil ehrlichsten Geschenke. Es gibt mir die Gewissheit, dass jedes „Ja“ von ihr in derselben Ehrlichkeit gemeint ist.

Während ich den Laptop zuklappe, greife ich nach meinem Handy, das am Boden liegt und begebe mich auf einen Spaziergang in den umliegenden Wald. „Hey, ich bin gerade sehr aufgewühlt und brauche einen vertrauten Menschen, der mir zuhören mag. Würde das für dich passen? Mit einem Nein kann ich sehr gut umgehen, wenn es nicht geht.“ „Ja, ich mag dir gerne zuhören.“

10 Tage später – mittlerweile war ich wieder zurück in Berlin – scrollte ich über eine Facebookseite und plötzlich entdeckte ich einen geteilten Beitrag einer anderen Seite namens „So fern und doch ganz nah“. Irgendwas daran kam mir bekannt vor. Ich folgte dem Link und erinnerte mich an das Profilbild der Seite. Die Person hatte im Sommer eines meiner PoetryVideos geteilt. Sie war Autorin und ihr Buch trug den Titel „So fern und doch ganz nah“. Moment! Ich öffnete nochmal die PayPalMail, die ich in Hildesheim erhalten hatte. Tatsächlich, der PayPalUsername der Schenkperson war identisch zu dem Buchtitel. Bis dahin hatte ich angenommen „So fern und doch ganz nah“ war eine Anspielung auf die Beziehung, die die schenkende Person zu mir hatte. Vielleicht jemand, der gerade auf einem anderen Kontinent ist und sich im Herzen mit mir verbunden fühlt. Oder eine gute Freundin, die ich schon sehr lange nicht gesehen hatte. Doch jetzt war eine andere Erklärung auf einmal wahrscheinlicher: Es war das PayPalProfil jener Autorin, Claudia. Sie könnte mir diese 200€ geschenkt haben. Wow.

Um ein wenig mehr über sie herauszufinden zu können, schaute ich mir eines der angezeigten Videos auf ihrer Seite an. Es war ein Fernsehbeitrag, in dem sie interviewt wurde. Vor 8 Jahren fuhr Claudia mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in den Winterurlaub nach Österreich. Das Auto geriet ins Rutschen, sie verlor die Kontrolle und geriet in den Gegenverkehr.. Ihr Mann und ihre Tochter starben an den Verletzungen, sie und ihr Sohn überlebten. Tränen sammelten sich in meinen Augen. Das Buch „So fern und doch ganz nah“ handelt von diesem Erlebnis, von ihrer Trauer, vom ersten Mal als sie nach dem Krankenhausaufenthalt wieder das gemeinsame Haus betrat, von den Kerzen, die sie auf ihrem Esstisch stehen hat, um sich täglich an die beiden geliebten Menschen erinnern. So sehr hat mich ihre emotionale Öffnung berührt, wie sie aus der Tragik, Schönes macht, das sie mit der Welt teilt. Sofort schrieb ich ihr die verschiedenen Phasen von der ersten Entdeckung der PayPalMail bis zum Schauen ihres Interviews und bedankte mich aus tiefstem Herzen für ihr Geschenk. Wenige Tage später antwortete sie:

„Lieber Pierre,
ich glaube schon lange nicht mehr an Zufälle und obwohl ich momentan meine Facebook Aktivitäten bewusst für die Zeit der Rauhnächte eingestellt habe und die FB App deinstalliert habe, bin ich jetzt am Handy (es sollte wohl so sein) versehentlich auf das Icon vom Seitenmanager gelangt und so hat mich jetzt deine Nachricht erreicht.

Als ich dir die 200 € überwies habe ich komplett aus meiner Intuition gehandelt. Mein Verstand hat mir nen Vogel gezeigt.

Du lässt dich auf das Leben ein… so mutig, schonungslos und ja… naiv… im positiven Sinne.“

Mit keinem Satz bin ich hier auf die Kritik zu meinem Schenkexperiment eingegangen. Die Kritik und mein Handeln kommen aus zwei sehr verschiedenen Glaubensrichtungen oder Geschichten, wie unsere Welt funktioniert und was es bedeutet, Mensch zu sein. Mir scheint das keine Frage der besseren Argumente zu sein, deswegen möchte ich nicht Recht haben oder überzeugen, denn auf ihre Art sind beide unsere Perspektiven wahr und berechtigt. Ich kann nur Geschichten erzählen aus meiner Geschichte der Welt. Und es sind Geschichten wie die mit Claudia (die wohl nicht zufällig wenige Minuten nach dem Erhalten der Kritik ihren Lauf genommen hat), die für mich am besten beschreiben, welche Qualität an Lebendigkeit ich fortlaufend durch diesen Weg erfahre und warum der Titel „BEZIEHUNGSvolles Schenkeinkommen“ lautet. Mit jedem weiteren dieser Momente wächst mein Vertrauen. Dass wir alle Schönes in die Welt bringen wollen. Dass wir am großzügigsten Schenken, wenn wir dies in völliger Freiheit tun können.

Also in dem Wissen, dass ein klares Nein IMMER okay.

PS: Ich werde weiterhin die genannten Punkte aus der Kritik in mir wirken lassen und in kommenden Beiträgen darauf eingehen. Alles zu seiner Zeit 🙂. Ich möchte noch betonen, dass die Kritik ein großes Geschenk für mich ist.

Claudia von So fern und doch ganz nah im Interview mit Andreas vom Glückfinder https://www.youtube.com/watch?v=kFyN63Q_Sm8

Hat sich selbst geheiratet, reist durchs Land und erzählt von Leben, die nicht in Lebensläufe passen. Ritualbegleiter in Ausbildung. Selbstexperimentateur von Konsumpause bis Grundeinkommen. Gedichtehebamme.

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