radikales Schenken – Was ich damit meine

radikales Schenken – Was ich damit meine

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radikales Schenken – Was ich damit meine

Bei meinem Experiment des beziehungsvollen Schenkeinkommens scheint es auf den ersten Blick um Geld zu gehen. Vielleicht sogar um Bequemlichkeit. Ums Schmarotzen. Vor allem scheint ...

Bei meinem Experiment des beziehungsvollen Schenkeinkommens scheint es auf den ersten Blick um Geld zu gehen. Vielleicht sogar um Bequemlichkeit. Ums Schmarotzen. Vor allem scheint es jedoch um mich zu gehen. Während ich nachvollziehen kann, dass es aus einer bestimmten Perspektive genauso wirkt und sicherlich auch weiter wirken wird, möchte ich eine andere Perspektive darauf aufmachen:

Es geht weder um Geld noch um mich.

Es geht um die Kraft radikalen Schenkens. Und um das, was möglich wird, wenn wir wirklich loslassen, wenn wir uns an Orte begeben, an denen es keine Garantie gibt und gerade das erst Schönes zum Vorschein bringt. Mit Liebe, Vertrauen, Verletzlichkeit und Mut.

>>Wir wollen dieser Welt Schönes schenken. Das ist unser aller innerstes Bestreben.<<

Daran glaube ich ganz fest und gleichzeitig sehe ich es täglich Scheitern; nah und fern von mir und auch bei mir selbst.
Da ist Vieles, was das Ernstnehmen dieses innersten Bestrebens unsicher erscheinen lässt oder gar gefährlich, naiv, idiotisch. Da ist Vieles, was uns auf den ersten Blick verführerischer, erfolgreicher, leichter scheint. Die eigenen intimsten Gedanken und Gefühle teilen, sich verletzlich und nackt machen kann so viel beängstigender sein, als sie für sich zu behalten. Nähe von unseren Partnern und Partnerinnen einfordern, scheint zunächst viel sicherer und erfolgsversprechender, als lediglich den Wunsch nach Nähe auszusprechen, mit der Ungewissheit ob er erfüllt wird.
Immer besteht die Gefahr der Abweisung oder schlimmer der Ausnutzung der eigenen Offenheit. Und oh, wurde ich schon abgewiesen und meine Offenheit ausgenutzt.

Was aber auch passiert ist, wenn ich diesem innersten Bestreben Platz gegeben habe, sind unzählige Momente des tiefsten Glücks und der intensivsten Verbundenheit. Wenn ich wirklich losgelassen habe und Schönes und Ehrliches in die Welt bringen wollte, wurde ich überrascht wie sensibel und achtsam meine Mitmenschen damit umgegangen sind.
Ich habe aufgehört, Geld für meine Workshops und Coachings zu verlangen und werde mit mehr Geld beschenkt als je zuvor. Jeder noch so intime Wunsch, den ich dieses Jahr ausgesprochen und geteilt habe, hat sich erfüllt – meist so schnell, dass ich es nicht fassen konnte.
Ich durfte eine Fotoausstellung auf die Beine stellen, habe im Sommer zwei Wochen mit Freunden in einem Haus gewohnt und Musik aufgenommen, habe Menschen gefunden, mit denen ich einen jahrealten Text endlich zu einem Rapsong machen konnte, konnte mit einer wundervollen Künstlerin, zu der ich aufschaue, zusammenarbeiten, finde Menschen, mit denen ich polyamore Bindungen probieren kann, durfte meine Gedichte vor mehreren hundert Menschen vortragen und ziehe gerade genau die Leute an, die mir die Sicherheit geben, dass mein Schenkeinkommensexperiment wirklich funktionieren kann.

Auch wenn ich noch nicht im Detail verstanden habe warum mir all das passiert, weiß ich, dass ich da dran bleiben will. Um es vielleicht irgendwann verstehen und erklären zu können.

„Es“ hat für mich momentan auf jeden Fall mit der Idee des radikalen Schenkens zu tun und diese kann ich bereits teilweise erklären.

Das, was ich radikales Schenken nenne, haben wir – da bin ich mir sicher – alle schon an uns selbst erfahren können. Viel öfter jedoch erleben wir etwas, dem ich den Namen „Scheinschenken“ geben möchte. Wir nennen es Schenken, wir meinen, es wäre Schenken, aber es ist ein Schenken, das noch behaftet ist mit Misstrauen, Kontrollimpulsen und Bedingungen.

Radikales Schenken aber ist bedingungslos.
Radikales Schenken hat für mich eine Reihe an Dimensionen, bei denen es dem Schenkenden Freiheit gibt.

Radikales Schenken ist die Freiheit, selbst entscheiden zu dürfen,

ob,
wann,
was,
wie viel und
wem
ich schenke.

Radikales Schenken bedeutet auch, zu schenken, ohne die Erwartung irgendetwas zurückgeschenkt zu bekommen. Das heißt anders ausgedrückt: mit jeder radikalen Schenkung wird automatisch die Freiheit mitgeschenkt, selbst zu entscheiden, ob, wann, was, wie viel und wem zurückgeschenkt wird.

Jetzt ist der Moment, in dem sich wahrscheinlich Scheinschenken leichter identifizieren lässt. Wenn die ganze Familie sich verpflichtet fühlt, einander zu Weihnachten zu beschenken, ist das nicht mehr bedingungslos. Sowohl das Wann als auch des Wem als auch das Ob Überhaupt und wahrscheinlich sogar das Wie Viel ist nicht mehr frei. Gleichzeitig kann Weihnachten tatsächlich ein Ort radikalen Schenkens sein: Wenn Klarheit darüber herrscht, dass schenken genauso in Ordnung ist, wie nicht zu schenken. Wenn ich spüre, dass ich aus dem Herzen schenken darf, ohne zu befürchten, dass der Beschenkte den Geldwert meines Geschenks errechnet und mit dem Geldwert der anderen Geschenke vergleicht. Wenn ein lebendiges Ritual des einander Beschenkens entsteht und kein Programm mit klar verteilten Rollen abgespult wird.

Und ich vermute bei radikalem Schenken noch eine weitere Komponente. Was wir radikal schenken ist niemals beliebig. Es ist ein Teil von unserem Wesen. Und gleichzeitig spiegelt es etwas wieder, was wir in den Beschenkten sehen, was auch bei ihnen eigentlich schon immer da war, aber durch das Geschenk eine Form, einen Namen bekommt.

Eine radikale Schenkung von mir zu dir verstärkt die unsichtbare Verbundenheit zwischen uns beiden, aber auch zwischen dir und der Welt und mir und der Welt bzw. allem im Universum.

Soweit meine Gedanken für den Moment. Womit resonierst du? Was von deinen Erfahrungen erkennst du wieder? Wo merkst du großen Widerstand in dir?

PS: Texte wie dieser entstehen mit den Fähigkeiten, die ich in diesem Moment habe, meine Ideen in Worte zu fassen. Schon morgen werde ich womöglich anders über dies oder das nachdenken, würde es anders formulieren. Es kann immer nur das abbilden, was mir heute wahr erscheint. Das heißt, es ist immer unfertig. Es ist immer unvollkommen. Es ist nie zu Ende gedacht. Es wird sich wandeln und mir hilft das Aufschreiben, um es loszulassen und das Wandeln zu erlauben.

Hat sich selbst geheiratet, reist nomadisch durchs Land und erzählt von Leben, die nicht in Lebensläufe passen. Im Rahmen seines beziehungsvollen Schenkeinkommens verschenkt er alle seine Workshops, Coachings, Vorträge sowie Kunstwerke und lässt sich gleichzeitig von Verbündeten erwartungsfrei mit Geld beschenken.

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