Was passiert, seit ich meine Workshops radikal verschenke

Was passiert, seit ich meine Workshops radikal verschenke

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Was passiert, seit ich meine Workshops radikal verschenke

"Hallo Pierre,   sorry, dass ich mich erst so spät melde. Ich möchte mich erst einmal bedanken, dass es dich gibt: Dich, deine Gedanken und auch deine Taten. Ic ...

„Hallo Pierre,
 
sorry, dass ich mich erst so spät melde.
Ich möchte mich erst einmal bedanken, dass es dich gibt: Dich, deine Gedanken und auch deine Taten. Ich selbst war (und bin es eigentlich immer mal wieder) in einer depressiven Episode und dadurch ständig arbeitslos. Wie auch jetzt schon wieder. Ich mache mich ständig selber klein, aber dein Workshop über die Lebenswirbel hat mir gezeigt, dass das gut so war, um über mich zu lernen und nun daraus meine wirklichen insgeheimen Wünsche zu verstehen und nun auch vielleicht endlich real werden zu lassen. Es mag für andere alles sehr esoterisch klingen, aber ich glaube insgeheim wünscht sich jeder einfach mal ein paar Sachen über sich besser verstehen zu können.
 
Kurzum: Ich möchte dir gerne Geld geben für den Stein, den du bei mir ins Rollen gebracht hast. Denn seitdem ist ganz viel passiert bzw. wird noch passieren, davon bin ich überzeugt. Du hast ganz viel gegeben und bekommst nun auch diese Energie wieder zurück von mir. Ich denke, dass du sehr minimalistisch lebst und glaube deshalb, dass du mit einem 50 Euro Beitrag sicher eine Woche lang gut über die Runden kommen wirst. Das ist jedenfalls mein Ansporn.
 
Liebe Grüße,
 
Svenja*“
 
*Name geändert
 
Svenjas Mail erreichte mich zwei Wochen nach dem ersten Workshop, den ich bewusst radikal geschenkt habe und traf mich mitten ins Herz. Bevor sie mir schrieb, waren da noch laute Stimmen in mir, die das ziemlich naiv und unverantwortlich von mir fanden, den Teilnehmenden so viel Freiheit zu geben.
 
Seit ich vor gut zwei Jahren angefangen habe, eigene Workshops zu Herzensthemen zu geben, beschäftigt mich die Frage nach der Bezahlungsmethode. Es fühlt sich für mich schon immer unpassend an, einen fixen Teilnahmebeitrag festzulegen.
Hinter festgelegten Preisen für Workshops liegen für mich mehrere Grundannahmen:
  • Menschen geben nur dann Geld, wenn sie dazu verpflichtet sind (bzw. eine äußere Kraft auf sie einwirkt).
  • Menschen können nicht einschätzen wie viel Energie, Ressourcen und Zeit in so einen Workshop geflossen sind und würden nicht von alleine so viel Geld geben, wie es bräuchte, um die Kosten zu decken.
  • Menschen sind mit der Entscheidungsfreiheit, ob und wie viel Geld sie geben möchten, überfordert.
  • Arbeit ist die einzige Quelle, über die Geld zu mir kommt, deswegen muss alles Geld, was ich brauche über direkte Bezahlung kommen.
  • Über Geld reden ist unangenehm. Man sollte diskret bleiben.
  • Geld ist das einzige und richtige Bezahlungsmittel.
  • Was nichts kostet, ist nichts wert.
  • Der gleiche Geldbetrag bedeutet für alle Menschen dasselbe (10€ zu zahlen fühlt sich für Person A genauso an wie für Person B).
  • Die Bezahlung muss vor oder spätestens direkt am Ende des Workshops erfolgen, sonst wird sie nicht passieren.
Während ich natürlich wie wir alle in einer Gesellschaft aufgewachsen bin, die zu großen Teilen auf genau diesen Grundannahmen beruht, wollte ich nicht glauben, dass es nicht auch anders geht. Und es dadurch sogar schöner, befreiender und reicher für alle wird.
 
Trotz dieses Idealismus (oder eher wegen) befand ich mich in einem Dilemma.
 
(Wie) lege ich den Preis für etwas fest, das für jede Person, die daran teilnimmt, einen individuellen Wert hat?
 
Wie kann ich durch diese Workshops mein Bedürfnis nach finanzieller Sicherheit erfüllen ohne Personen, die nichts zahlen können oder mögen, auszuschließen?
 
Solange mir keine anderen Ideen kommen würde, entschied ich mich für einen Weg, der sich schon ziemlich in Einklang mit meinen Werten anfühlte. Am Ende jeden Workshops erwähnte ich eine kleine Schatztruhe, in die alle gerne so viel Geld wie sie mögen und können einwerfen können, um es mir zu ermöglichen, weiterhin solche Workshops zu geben. Ich erinnere mich noch gut, dass ich es bei meinem ersten Workshop fast vergessen hatte, noch zu erwähnen und nur die Nachfrage einer Teilnehmerin, ob das jetzt eigentlich was gekostet hätte, sorgte dafür, dass ich davon erzählte. Hinter meinem Vergessen stecken für mich rückblickend zwei Dinge:
 
1. Mir ging es wirklich nicht ums Geld. Von allen Motiven, die ich hatte, diesen Workshop zu geben, war Geld das unbedeutendste
.
2. Ich habe mich unwohl damit gefühlt, nach Geld zu fragen, war unsicher ob ich es verdient habe, ob es angemessen ist, für so einen Workshop Geld zu verlangen bzw. zu bekommen.
 
Für diesen vier-stündigen Workshop spendeten mir die Teilnehmenden im Schnitt 3€, insgesamt 42€. Das fühlte sich gut an. Alle konnten selbst entscheiden, wie viel sie zahlen und gleichzeitig bekam ich ähnlich viel Stundenlohn, wie für vergleichbare Honoraraufträge, die ich damals über Bildungsinitiativen erhielt. Da war aber auch ein Teil in mir, der wusste, dass andere Trainer locker 10-20€ pro Person für ähnliche Workshops nehmen. Das klang verlockend und gleichzeitig unpassend für mich.
 
Aber irgendetwas grummelte immer noch in mir. Als könnte ich noch mehr loslassen. Als würden noch ein paar letzte Funken Kontrollbedürfnis und Misstrauen meine Entscheidung bestimmen.
 
Mittlerweile verstehe ich, dass ich noch nicht radikal geschenkt hatte. Zwar konnten die Teilnehmenden über das Wie Viel und auch ein bisschen über das Ob ihres Zurückschenkens entscheiden, aber nicht über das Wann (Ende des Workshops), Was (Geld) und Wem (mir).
 
Während ich schreibe, merke ich einen weiteren großen Verursacher des Grummelns. Ich reduziere die wundervollen Menschen, die so mutig waren, sich auf meine Ideen und Übungen einzulassen, die ihre ganz eigene Geschichte haben, die mehr als nur die Summe der Menschen im Raum waren, auf ihre Teilnahme und dass sie mir Geld geben (oder nicht). Und das widerspricht meinem innersten Wunsch nach Verbundenheit und Menschlichkeit.
 
 
„Ich möchte etwas zur Bezahlung für diesen Workshop sagen. Ich verstehe ihn als etwas, das ich euch schenke. Hierdrin steckt all mein Herz, das kommt vollkommen aus meinem Innersten. Es ist für mich wunderschön, dass ich dieses Konzept der Lebenswirbel von mir mit euch teilen kann, dass ihr damit resoniert und wiederum mit mir teilt, was es in euch bewegt. Ich möchte dafür keinen Preis festlegen, sondern nur, dass ihr wisst, was es mir bedeutet, es euch zu schenken. Wenn das in euch wiederum einen Schenkimpuls auslöst, wunderbar! Aber ich möchte, dass ihr in euch hineinhorcht, was, wie viel, wann und wem ihr etwas schenken möchtet. Vielleicht gab es in dieser Runde Menschen, bei denen ihr im Laufe des Abends Ideen hattet, wie ihr dieser Person etwas Gutes tun könnt. Dann beschenkt diese Person! Wenn ihr euch entscheidet, mir etwas schenken zu wollen, dann nehme ich das sehr gerne an. Dahinten ist eine kleine Schatztruhe in die ihr Geschenke an mich tun könnt, wenn ihr das heute machen wollt. Vielleicht fühlt sich Geld gar nicht passend an. Ich freue mich auch über Essenseinladungen oder Theaterkarten oder, was ihr mögt. Danke danke danke, dass ihr da ward.“
 
In der Schatztruhe landeten 15€, 3 Essenseinladungen und ein Stein mit einer beigefügten Notiz: „Vielen Dank! Du gibst so viel! Ich bin so froh, dass ich hier war! Ein Stein aus Kreta!“
 
Zwei Wochen später dann Svenjas Mail. Und wie viel kraftvoller, wie viel verbindender sind ihre 50€, wenn sie sie radikal schenkt als wenn ich vorher festgelegt hätte, wie viel und dass sie für den Workshop hätte zahlen sollen. Radikale Geschenke sind beziehungsstärkend, ich gehe achtsamer mit radikal geschenktem Geld um, als mit Honorar, das ich früher bekommen habe. Geld hat so das Potenzial uns einander näher zu bringen, frei von Abhängigkeiten.
 
Als ich den Workshop radikal verschenkt habe, gab es keine Garantie. Es wäre genauso möglich gewesen, dass mich kein Geschenk erreicht, kein einziger Euro, keine Essenseinladungen. Radikales Schenken macht verletzlich – durch und durch. Es sagt: Ich stelle mich hier nackt vor euch und vertraue, dass ihr damit sorgsam umgeht. Und dennoch erwarte ich nie Geschenke zurück. Und dann passieren sie.
 
Seitdem verschenke ich alle meine Workshops radikal.
Hat sich selbst geheiratet, reist nomadisch durchs Land und erzählt von Leben, die nicht in Lebensläufe passen. Im Rahmen seines beziehungsvollen Schenkeinkommens verschenkt er alle seine Workshops, Coachings, Vorträge sowie Kunstwerke und lässt sich gleichzeitig von Verbündeten erwartungsfrei mit Geld beschenken.

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