Jahr ohne Zeug: #6 Dingeraten. #ersterjoker

Jahr ohne Zeug: #6 Dingeraten. #ersterjoker

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Jahr ohne Zeug: #6 Dingeraten. #ersterjoker

Diesmal ein "Jahr ohne Zeug"-Artikel, der sich ein wenig von den bisherigen Geschichten unterscheidet (Du weißt nicht, was es mit dem Jahr ohne Zeug auf sich hat? Dann lies am best ...

Diesmal ein „Jahr ohne Zeug“-Artikel, der sich ein wenig von den bisherigen Geschichten unterscheidet (Du weißt nicht, was es mit dem Jahr ohne Zeug auf sich hat? Dann lies am besten erstmal hier: http://www.pierrelischke.de/2015/11/30/jahr-ohne-zeug-0-die-spielregeln/ ). Ich möchte von 5 Gebrauchsgegenständen erzählen, die für mich 2015 ein Thema waren. Mit jedem dieser 5 Gegenstände bin ich im Jahr ohne Zeug anders umgegangen. Mit welchem Ding, ich wie umgegangen bin, verrate ich erst später.

Sicher ist, je einen Gegenstände davon habe ich:

  • am Ende selbst gebastelt
  • tatsächlich gekauft und somit einen Joker eingesetzt
  • gebraucht geschenkt bekommen
  • ermogelt und damit in einer Grauzone belassen
  • nichts von den oberen Varianten, also auf ihn verzichtet

 

Mit welchem der folgenden Gegenstände bin ich wie umgegangen?

1. USB-Stick

2014 ging meine externe Festplatte kaputt. Und irgendwie verlor ich nach und nach auch alle USB-Sticks, die ich besaß. Das scheint das Pendant zu Socken zu sein, die in der Waschmaschine verschwinden. Natürlich häufigten sich die Anlässe, in denen ein mobiles Speichermedium echt praktisch gewesen wäre: Vorträge, Filmabende, Fotosammlungen miteinander teilen. Was also tun? (Tipp: Gebastelt habe ich ihn mir nicht! 🙂 )

2. Widerstand

2015 wurde für mich unverhofft zum Jahr der Brett- und Gesellschaftsspiele. Neben meiner bisher aufregendsten Runde “Risiko” (liebe Grüße an alle Beteiligten!) entdeckte ich auch nach und nach, was nach “Die Siedler von Catan” eigentlich mittlerweile alles für unfassbar geniale und anspruchsvolle Spiele auf den Markt gekommen sind. Sporadische Spieleabende in meiner eigenen WG verdeutlichten mir allerdings: Unsere Spieleauswahl ist gering. Neue Spiele kaufen ginge nur mit Joker und dann sowieso nur für ein Spiel, jedes Mal gegen Gebühren ausleihen ist aber auch eher mühsam. Ein Spiel hatte mich leider wahnsinnig gefesselt: Widerstand. Alle Spieler gehen auf gemeinsame Missionen, Spione in den eigenen Reihen versuchen, diese zum Scheitern zu bringen. Genau das Maß an Logik, Unsicherheit und schauspielerischem Talent, das ein Spiel für mich hervorbringen muss. Kaufen oder nicht kaufen? Das ist hier die Frage!

3. Schminke und Luftballons

Im November feierten meine gute Freundin Nina und ich unsere weitzurückliegenden Geburtstage nach. Die Vorfreude war groß. Nach wochenlangem Suchen fanden wir die perfekte Location. Groß, bunt, liebevoll eingerichtet, günstig. Yeah. Die Feier sollte zu uns passen. “Quatsch und Überraschung” sollte aus jeder Ecke sprühen. Da standen wir nun. Drei Tage vor der Party in einem Geschäft für Partyutensilien. Glitzer, Furzkissen, Masken, kiloweise Konfetti, Kinderschminke, Luftballons. Alles, was das Geburtstagsherz begehrt. “Aaah Nina, wir können das nicht kaufen. Aber ich will so doll. Ohne Schminke wär auch okay, aber mit Schminke wärs noch viel cooler! Aber ich wills nicht kaufen…aaah”

4. Notizbuch

Vor 1,5 Jahren entdeckte ich Notizbücher für mich. Sie waren Reflektionshilfe, Brainstormingort, ToDoListensammlung und Tagebuch zugleich. Besonders gefallen hatte mir eine bestimmte Sorte Notizbücher. Karierte Seiten, Seitenzahl unten, Gummiband zum Fixieren der Seiten auf der rechten Hälfte. Vom Freund meiner Mama ließ ich mir Lederreste geben, von meiner Mama selbst haufenweise gebrauchte Briefumschläge. Alles da, um es selbst zu basteln. Freunde schenkten mir alte unbenutzte Notizbücher. Was kam an meine favorisierte Sorte Notizbücher am ehesten ran?

5. Schuhe

Ein paar FlipFlops (die aus Kanada), ein paar feste Winterstiefel und ein Paar normale Straßenschuhe. That’s it. So komme ich meist durchs Jahr. Die Straßenschuhe verschließen erwarterweise am meisten. Die Sohle mit porös, die Schnürsenkel reißen. Auch dieses Jahr neigte sich die Lebenszeit meiner Straßenschuhe dem Ende zu. Einer der Schuhe hatte ein Loch in der Sohle bekommen und so Regenwetter zum Verursacher einer immer wiederkehrenden Odyssee werden lassen. OdysSEE. Egal. Ich versuchte mir mit GaffaTape zu helfen, fragte Freunde nach Schuhen in meiner Größe, minimierte meine Spaziergänge bei oder nach Regen. Und am Ende des Jahres?

Zusammenfassung:

USB-Stick, Widerstand, Schminke und Luftballons, Notizbuch, Schuhe

gebastelt, geschenkt bekommen, Joker, gemogelt, verzichtet?

Auflösung Nr. 1

USB-Stick Auflösung

“Wisst ihr, also eine Sache, die mir momentan zum Beispiel fehlt, ist ein USB-Stick. Irgendwie sind mir alle meine vorherigen verloren oder kaputt gegangen. Und dann auch noch meine externe Festplatte. Ich überleb das Jahr auch so. Andererseits muss es ja auch Leute geben, die zu viele USB-Sticks rumliegen haben. Das gibt’s ja mittlerweile oft als Werbegeschenk.” Gunnar und Jannis hörten mir zu. Es war gerade mal Januar oder Februar, beide überlegten noch, ob sie sich selbst so ein Jahr vorstellen könnten. Gunnar ließ seine Hand in seine rechte Jackentasche gleiten – wir wollten bald aufbrechen – und fischte einen USB-Stick hervor. “Hier. Den kannste haben. Brauch ihn selbst nicht. Die Dateien, die drauf sind, kannste einfach löschen.” Wow, das war einfach. So lernte ich eine der wichtigsten Lektionen, die das “Jahr ohne Zeug” schaffbar machen würden: Erzähle von, dem was du brauchst. Menschen schenken gerne, was sie zu viel haben und andere brauchen können. USB-Stick = geschenkt bekommen

Schminke und Luftballons Auflösung

Wer auf der Geburtstagsparty war oder davon gehört hat, weiß: an Luftballons und Kinderschminke hat’s nicht gemangelt. Verzichtet haben wir also nicht drauf. Tatsächlich fragte Nina auf meinen Wunsch hin bei einem dm-Markt nach, ob diese noch Luftballons für uns übrig hätten, die sie als Deko nutzen. Überraschenderweise brachte eine Mitarbeiterin eine handvoll Luftballons aus dem Büroraum zu uns nach vorne. Das merk ich mir! So richtig entsprach das aber nicht unseren Vorstellungen. Einen Joker hat ich bis dahin schon verbraucht. Jetzt gleich den nächsten? Moment mal! Wenn ich für die Location zahle und Nina die Schminke und die Luftballons kauft, dann habe ich selbst ja quasi keinen Joker einsetzen müssen. Oder? Andererseits wär das auch irgendwie gemogelt. Ob jetzt ich oder Nina die Partyutensilien kaufen, kommt aufs selbe hinaus: die Ressourcen wurden verbraucht. Den Gegenständen ist das zeimlich egal, woher das Geld kommt, mit dem sie bezahlt werden. Dem Verkäufer ebenso. Trotzdem. Trotzdem war das am Ende die Variante, für dich ich bzw. wir uns entschieden haben. Und ich denke immer noch mit einem mulmigen Gefühl daran. Gleichzeitig möchte ich geschminkten Gesicher und fulminanten Luftballonschwertkämpfe zum “Fluch der Karibik”-Soundtrack nicht missen. Manchmal ist es nicht einfach.  Schminke und Luftballons = gemogelt

Es bleiben noch übrig:

Widerstand, Notizbuch, Schuhe

gebastelt, Joker, verzichtet?

 

Auflösung Nr. 2

Widerstand Auflösung

Ehrgeiz hatte mich gepackt. Ich blickte auf die vielen Kartons, die ich aus der Sperrmüllrettungsaktion 2014 in meinem Zimmer lagerte. Hunderte weiße kleine Schmuckpolster in vier verschiedenen Größen. Dazu noch die Steckverpackung der Bluetoothmusikbox. Fehlen nur noch ein schwarzer und ein roter Edding zur Markierung der Widerstandskämpfer und der Spione. Fertig. Nach einigen Stunden Bastelei hatte ich mein erstes Brettspiel nachgebaut und – worauf ich besonders stolz war – sogar platzsparender designt als das Original. Mittlerweile fand das Set schon an mehreren Spieleabenden seinen erfolgreichen Einsatz. Widerstand = gebastelt.

Ist das eine Copyrightverletzung? Schade ich dem Spieleerfinder damit? Was, wenn das alle machen? Das sind Fragen, die mir im Nachhinein in den Kopf kommen. Fragen, die verdächtig nach der Ära des illegalen Musikdownloads klingen. Mir gefällt die Vorstellung, dass Spielkonzepte frei zur Verfügung stehen und angeregt zu werden, diese mit den eigenen Ressourcen nachzubauen. Meine Variante kann ich dann wiederum der Community zeigen und gleichzeitig den Erfindern ein paar € spenden. Mal schauen bis es soweit ist.

Schuhe Auflösung

Der Versuch mit dem Gaffatape hielt genau einen Gang zum Supermarkt und zurück. Dieses “Allheilmittel” habe ich irgendwie überschätzt. Zuhause angekommen, zog ich erst mal die nasse Socke aus. Mist. Dann bleibt es wohl doch beim artistischen Pfützen-aus-dem-Weg-Springen. Es ist der 30.12.2015 und ich habe mir tatsächlich keine Schuhe in meinem “Jahr ohne Zeug” gekauft. Auch hat sich nichts anderes ergeben. Nicht, dass ich besonders viel Energie und Zeit darin investiert hätte, eine Lösung zu finden. Schuhe sind für mich bereits die letzten Jahre etwas gewesen, dass ich wirklich bis zur allerletzten Faser getragen habe. Nur, wenn zwischen Fuß und Straße nichts mehr ist, was den Namen “Sohle” verdient, ergreife ich Initiative. Soweit kommt es wohl erst im nächsten Jahr. Schuhe = verzichtet.

Notizbuch Auflösung

26.10.2015. Einweihung meines dritten LEUCHTTURM-Buches. Der erste wirklich entschieden gekaufte Gebrauchsgegenstand seit der Soulbottle im Dezember 2014. Ein Ort für: StolzTagebuch, Gedankenströme, Reflexionen, Ernten, Konzepte, Visionen, Selbstgespräche, Freundschaft, Liebe, berufliche Weiterentwicklung, Stillstand. Einatmen. Ausatmen.

Diese Worte stehen auf der ersten Seite meines neugekauften Notizbuches. Karierte Seiten, Seitenzahl unten, Gummiband zum Fixieren der Seiten auf der rechten Hälfte. Nach 11 Monaten der erste Joker meines “Jahres ohne Zeug”. Zu Beginn des Jahres wäre ich nicht darauf gekommen, dass ich irgendwann in den fußläufigen Karstadt laufen würde, um genau dieses eine Notizbuch zu kaufen. War das doch theoretisch einer der einfachsten Gebrauchsgegenstände, das ich anders hätte bekommen können.

Mein Wille war groß, auf Alternativen zurückzugreifen. Einige angefangene Notizbücher liegen bei mir rum. Viele beschriebene DIN A4 Schmierblätter dienten als Ersatz. Und doch konnte nichts ernsthaft dieses eine bestimmte Notizbuch ersetzen. Faszinierend. In den Wochen nach dem Erwerb spürte einen richtigen Anstieg in meiner Lebensqualität. Endlich war wieder das vertraute Gefühl da, jederzeit mein Notizbuch dabei zu haben. Sei es unterwegs im Rucksack oder zuhause in meinem Bett, falls mir nächtliche Einfälle kommen. Es tat gut wieder diesen einen Ort zu haben, an dem ich nicht nur alles notieren kann – das erfüllten die Schmierblätter auch – sondern, an dem ich auch alles chronologisch wiederfinde, an dem ich meine eigene Entwicklung nachvollziehen, meine Erfolge feiern kann. Es ist auch der Ort, an dem ich unterwegs Ideen für die “Jahr ohne Zeug”-Geschichten festhalte. Vielleicht ist das der eine Gebrauchsgegenstand, der 2016 eine Sonderrolle spielen wird? Oder ich schaffe es, mir eines nachzubauen, das dem Original nahe genug kommt. Notizbuch = Joker eingesetzt.

Hat sich selbst geheiratet, reist durchs Land und erzählt von Leben, die nicht in Lebensläufe passen. Ritualbegleiter in Ausbildung. Selbstexperimentateur von Konsumpause bis Grundeinkommen. Gedichtehebamme.

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