Jahr ohne Zeug: #5 Schatzsuche im Wedding. #sperrmüll

Jahr ohne Zeug: #5 Schatzsuche im Wedding. #sperrmüll

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Jahr ohne Zeug: #5 Schatzsuche im Wedding. #sperrmüll

Die folgende Geschichte beschreibt eine Situation, dir mir so im Jahr 2014 passierte und maßgeblichen Einfluss auf meinen Optimismus für das Jahr ohne Zeug hatte. (Du weißt nicht, ...

Die folgende Geschichte beschreibt eine Situation, dir mir so im Jahr 2014 passierte und maßgeblichen Einfluss auf meinen Optimismus für das Jahr ohne Zeug hatte. (Du weißt nicht, was es mit dem Jahr ohne Zeug auf sich hat? Dann lies am besten erstmal hier: http://www.pierrelischke.de/2015/11/30/jahr-ohne-zeug-0-die-spielregeln/ )

Seit ich mehr ins Zentrum von Berlin gezogen bin, habe ich mir einen Tick angewöhnt, der mir  fürs “Jahr ohne Zeug” sehr nützlich werden sollte. Ich halte beim Gehen Ausschau  nach ausrangierten Möbelstücken und anderen nützlichen Gegenständen, die gut greifbar aus Mülltonnen oder Sperrmüllcontainern ragen. So kam ich bisher schon an einen schöne großen Bilderrahmen, spannende Bücher und alte Kassetten unter anderem von Beatles Konzerten. Irgendwo zwischen: „Das ist zu schade zum Wegschmeißen“ und „Vielleicht kann ich oder irgendwer, den ich kenne, das irgendwie irgendwann gebrauchen“. Normalerweise beschränkten sich diese Aktionen auf maximal 5 Minuten bzw. wenige Handgriffe bis ich das, was ich wollte – und vor allem tragen konnte –  zusammengesucht hatte. Im September 2014 kam ich am späten Nachmittag nach Hause – draußen war es noch sehr hell. Kurz vor meiner Haustür bemerkte ich wieder einen großen Sperrmüllcontainer, der bis oben hin voll war mit Kartons, Möbeleinzelteilen und Dingen, die ich nicht identifizieren konnte. Der Container war an den langen Seiten gute 2,5 m hoch. Nur von vorne konnte ich halbwegs gut reingucken geschweige denn rein greifen. Ein bisschen neugierig  fing ich an, im vorderen Teil ein paar Sachen hin und her zu schieben, um zu gucken, was sich da so verbirgt. Da der Container direkt an einer großen Hauptstraße inmitten von zahlreichen Geschäften stand, versuchte ich möglichst unauffällig zu sein, um niemanden übel aufzustoßen durch meine Müllwühlerei.

Dann fand ich die ersten Schätze:

Mehrere Kartons voll mit Weihnachtsbaumschmuck – nicht neu, aber sortiert. Als hätte jemand ausrangiert. Weitere offene Kartons offenbarten längliche flache Minipolster, die auf der unteren Seite aus Pappe waren. Hunderte davon konnte ich von meinem Standpunkt aus erkennen. Hin und wieder begleite ich Klassenfahrten und konnte mir in dem Moment gut vorstellen, die Materialien für Bastelaktionen auf solchen Fahrten zu verwenden. Jetzt stieß der erste Mitstreiter dazu und gemeinsam fanden wir heraus, dass der gesamte Inhalt des Containers zu einem Uhren- und Juweliergeschäft gehörte, dass sich ein paar Meter weiter befand und anscheinend komplett aufgelöst wurde. Die Minipolster waren für Schmuck aller Art zum Transportieren und Aufbewahren. Der ältere Mann fand eine Schmiedschürze und ging überglücklich mit dieser weiter. Wenig später kam eine junge Frau aus dem Geschäft gegenüber und wollte an das Fahrrad, dass ich mittlerweile mit den Minipolster-Kartons vollgestellt hatte. Wie sich herausstellte studiert sie Freie Kunst in Berlin und liebt Ornamente. Die Minipolster eigneten sich wohl perfekt dafür und sie war überglücklich, welche davon mitnehmen zu können. Während sie auf meinen Rucksack aufpasste, kletterte ich von den Seiten auf den Container, um besser die Dinge rausholen zu können. Spätestens jetzt ging es mir nicht mehr um Gegenstände für mich, sondern darum, dass selbst vorbeilaufende Menschen Freude an den Dingen haben werden. Wie z.B. eine Familie, die sich später einen Wischmopp samt Eimer und blauem Handwerkeranzug nahm und ganz dankbar war. Oder die junge Frau, die fragte, ob sie die herausgeangelten IKEA-Ablagefächer mit nach Hause  nehmen könnte.

Gute 1,5 Stunden und 15 bereicherte Menschen allen Alters, die zum Teil mitrumwühlten, später, trug ich die übrigen 7 Kartons mit Polstern hoch und war voll erfüllt. Näher war ich den verschiedensten Menschen in meinem Kiez bis dahin tatsächlich noch nie und dass das durchs Müllwühlen geschah, überraschte mich enorm.

Gleichzeitig wurde ich nachdenklich. Wie oft wird wohl eine Ladenauflösung in so einer großen Stadt wie Berlin stattfinden? Mehrmals im Monat? Und wie oft wird all das ungesehen weggeschmissen? All das, was andere Menschen sehr sehr wahrscheinlich noch gebrauchen könnten. Kindergärten zum Basteln. Kunststudierende für Projekte. Andere Juwelierläden zum Juwelieren. Das war der Moment, in dem ich entschied, bewusster mit gebrauchten Ressourcen umgehen zu wollen.

Bei der nachmittäglichen Aktion waren irgendwann drei Mitarbeiterinnen des angrenzenden Müller-Marktes in kontrollierender Manier auf den Gehweg gekommen. Sie beobachteten jeden meiner Klettervorgänge und wiesen mehrmals darauf, dass am Ende nichts mehr auf Gehweg stehen bleiben darf. Sie billigten die Müllretterei an sich. Darauf schien es sich allerdings auch zu begrenzen. Fix stapelte ich die übrigen Kantons und trug sie in meine Wohnung hoch.

Noch in der anschließenden Nacht ging ich ein zweites Mal zum Sperrmüllcontainer auf die Straße. Diesmal hoffentlich ungestört. Ausgerüstet mit einer Taschenlampe wollte ich die letzten Schätze bergen. Wer weiß, ob der Container am nächsten Morgen noch dastehen würde.

Nach einiger Zeit des Bergens bemerkte ich, wie mein Hausmeister und seine Frau mich aus ihrem Fenster beobachteten. Na toll. So wie ich die kenne, wollen die keine Müllwühler als Mieter in ihrem Haus haben. Auf dem Weg zurück zur Tür, der worst case: Irgendetwas stimmte mit dem Schlüssel nicht. Ich konnte mich anstrengen wie ich wollte, der Schlüssel ließ sich nicht im Haustürschloss umdrehen. Nach 10 Minuten Rumprobieren wusste ich, dass ich nicht drumherumkommen würde, beim Hausmeister zu klingeln. Der war schließlich noch wach. Meine Mitbewohner*innen waren nicht zuhause und um Mitternacht wollte ich niemand Fremden mehr im Haus wecken. Also gut.

Ich klingelte beim Hausmeister und seiner Frau, legte mir bereits eine Rechtfertigungsstrategie für mein Müllwühlen zurecht und stieg die Treppen hoch, nach dem ich ins Haus gelassen wurde. Zwei Etagen über mir hörte ich bereits wie sich die Wohnungstür öffnete. Meine zwei vollen Einkaufstüten voller Dinge aus dem Container würde ich nicht verbergen können. Während ich der Wohnung des Hausmeisters näher kam, entschied ich mich, die Unschuldstaktik zu fahren. Einfach freundlich lächeln. Lächeln, danke sagen, weitergehen.

“Na! Hamse noch was jefunden?”

Ich war irritiert. Böse klang das nicht.

“Wir beede ham heute früh och schon tütenweise wat rausjeholt. Wat man darin nich allet findet, wa?”

“Äh… Ja, verrückt, dass das alles weggeschmissen wurde. Danke fürs Aufmachen … der Schlüssel hat irgendwie nicht aufgeschlossen.”

 

“Keen Ding! Wenn se nen neuen Schlüssel brauchen, jeben se die Tage Bescheid, wa?”

“Äh, ja. Danke. Mach ich. Schönen Abend Ihnen noch!”

“Ebenso, wa?”

Das kam unerwartet. Wir waren wohl im selben Team.

Und ich musste an die Müller-Mitarbeiterinnen denken. Hätten sie sich auch an dem Müll bedient? Hätten sie etwas angenommen, falls ich Ihnen etwas Nützliches aus dem Container geschenkt hätte? Und ein weiterer Gedanke lässt mich auch heute nicht los: Angenommen, mein Hausmeister hatte finanzielle Gründe für seine Schatzbergung. Ist Müllrettung eine Frage des Kontostands? Mir scheint, als würde ein gewisser Grad an (sichtbarwer) Armut vorausgesetzt, der Müllrettung tolerierbar macht. Falls dem so ist, wie wird Müllretten sexy? Oder wäre es falsch, wenn wohlhabende Menschen Möbel von der Straße nehmen, die sie sich ohne Probleme hätten kaufen können, sodass tatsächlich für Ärmere schwieriger wird an Möbel zu kommen? Oder müssen wir Ressourcenverteilung sowieso komplett neudenken, wenn wir echt nachhaltig leben wollen?

Plötzlich scheinen die Fragen größer, als die Antwort, die ich geben wollte.

Hat sich selbst geheiratet, reist durchs Land und erzählt von Leben, die nicht in Lebensläufe passen. Ritualbegleiter in Ausbildung. Selbstexperimentateur von Konsumpause bis Grundeinkommen. Gedichtehebamme.

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