Jahr ohne Zeug: #4 Wenn alles verloren geht. Worauf kann ich verzichten? #ladekabel

Jahr ohne Zeug: #4 Wenn alles verloren geht. Worauf kann ich verzichten? #ladekabel

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Jahr ohne Zeug: #4 Wenn alles verloren geht. Worauf kann ich verzichten? #ladekabel

Einen besonderen Moment hat mir mein Jahr ohne Zeug beschert, als Folgendes auf die Realität des Experiments traf: meine Angewohnheit, wenig zu kontrollieren wie andere mit meinen ...

Einen besonderen Moment hat mir mein Jahr ohne Zeug beschert, als Folgendes auf die Realität des Experiments traf: meine Angewohnheit, wenig zu kontrollieren wie andere mit meinen technischen Geräten umgehen.

(Du weißt nicht, was es mit dem Jahr ohne Zeug auf sich hat? Dann lies am besten erstmal hier: http://www.pierrelischke.de/2015/11/30/jahr-ohne-zeug-0-die-spielregeln/ )

Bei meinen technischen Geräten habe ich selten einen Anspruch auf exklusives Nutzungsrecht. Eher im Gegenteil. Wenn sich die Gelegenheit z.B. auf einem mehrtägigen Seminar bietet, dann weise ich öffentlich daraufhin, dass meine Kamera (Gesamtwert ~ 300 €, Kaufpreis 750 €) gerne genommen werden kann und jede Person, die Spaß daran hat, damit Fotos schießen kann. Dabei ist mir ziemlich egal, ob ich die Personen schon länger oder erst seit 2 Stunden kenne. Ob es Erwachsene oder Kinder sind. Die einzige Bedingung: Am Ende der Seminars landet die Kamera wieder bei mir. In der Regel mache ich damit keine schlechten Erfahrungen. Es ist meist eine große Freude, die Speicherkarte zu scannen und all die verrückten Bilder zu entdecken, die andere mit der Kamera geschossen haben. Meine Festplatte und ich sind dann um Erinnerungen bereichert, die sonst nicht festgehalten worden wären. Natürlich kann da auch schon mal was schiefgehen. So wie im Sommer 2014.

Für gute anderthalb Wochen war ich im besagten Sommer in einem kleinen Ökohof in Mecklenburg-Vorpommern. Rund 35 erfahrene und auch neue Seminarleiter*innen waren an diesem idyllischen Ort zusammengekommen, um aus- und fortzubilden und um aus- und fortgebildet zu werden. Auch hier wies ich am ersten Tag darauf hin, dass meine Kamera und meine  BluetoothBox jederzeit von jeder Person genommen und genutzt werden können. Regelmäßig tönte aus der Box Musik. Rap, Electro, Schlager, Pop, Rock. Alles bunt gemischt. Sie gehörte zur Selbstversorgerküche genauso selbstverständlich wie der 20-Liter-Topf, in dem Kartoffelsuppen und Spaghetti zubereitet wurden.

Die Zeit im Ökohof neigte sich dem Ende. Die Kamera und die Musikbox fanden wieder den Weg zu mir. Einzig das Ladegerät der Kamera konnte ich beim Packen nicht finden. Das wird schon wieder auftauchen, dachte ich. Leider tat es das nicht. Niemand hatte es aus Versehen eingesteckt. Auch die Unterkunft hatte nichts gefunden. Es war weg.

Aber hey. Alles halb so wild. Es war schließlich 2014. Ich nutzte einen Saturn-Gutschein – diesmal kam er mir sehr gelegen – und kaufte als eine der letzten Dinge vor meinem “Jahr ohne Zeug” ein Ersatzladegerät. Nicht von Canon selbst sondern einer Drittfirma.

Zeitsprung nach vorne. März 2015. Ich reiste mit einer Gruppe Lehramtsstudierenden zu außergewöhnlichen Schulen in ganz Deutschland. 12 Tagen waren wir unterwegs, übernachteten in Gruppenräumen katholischer Studierendengemeinden und WGs. Auch hier ließ ich Kamera und Bluetoothbox freien Lauf.

Auch hier der Schreck am Ende der Reise. Dieses Mal traf es das Ladekabel der Bluetoothbox. Irgendwo auf der Reise muss es verloren gegangen sein. Der Akku hatte noch bis zum Schluss gebraucht. Den letzten Ladungstag konnte ich nicht mehr nachvollziehen. Das Ladekabel tauchte nicht wieder auf. Mist. Jetzt war es 2015.

Dies würde mein erstes größeres Wunder im “Jahr ohne Zeug” hervorbringen. Dass ich auf der Reise mein Ladekabel verloren habe.

Am Ende der Geschichte würde ich das erste Mal aufgrund des Experiments vor Freude durch mein Zimmer hüpfen. Ich würde das Ladekabelproblem so elegant wie nur möglich gelöst haben. Ich würde die besonderen Momente verstanden haben, die mir diese Lebensweise schenken würde.

Aber der Reihe nach.

Zunächst einmal war ich angepisst. Das Kabel war weg. Und ich um herausragenden Boxensound beraubt. In meinem Zimmer oder in der Küche nicht mehr laut Musik hören können? Bei dieser Vorstellung wurde ich sehr mürrisch. Mein erster Impuls bis mir etwas Besseres einfallen sollte: Auf meine Kopfhörer zurückgreifen.

Schnell trat Ernüchterung ein. Einfach nicht dasselbe.

Ich wollte beim Frühstücken mit meinen Mitbewohner*innen gemeinsam Musik hören können. Kopfhörer in meinen Ohren sind da nicht so geeignet.

Das Jahr hatte gefühlte erst begonnen. Jetzt schon einen Joker einsetzen wollte ich nicht. Die würde ich bestimmt später noch brauchen. Meine zweite Idee – kurz vorm eigentlichen Durchbruch: Mehrere meiner Freunde besaßen dieselbe Box und dementsprechend auch dieselben Ladekabel. Brauchen würden sie diese natürlich selbst. Aber ich könnte zumindest immer mal wieder meine Box bei ihnen aufladen oder das Ladekabel für einen Tag ausleihen.

Fast wäre das mein finaler Gedanke gewesen. Ich hätte meine Musikbox wahrscheinlich immer im Rucksack dabei gehabt und dann, wenn es gepasst hätte, an den Ladekabeln meiner Freunde mit dergleichen Box geladen. Wahrscheinlich hätte ich plötzlich ein paar Freunde überraschend oft besucht. Und vielleicht hätte das irgendwann dazu geführt, dass mir einer dieser Freunde sein Ladekabel einfach mit nach Hause gegeben hätte.

Ich warf ein letztes Mal meinen Lösungssuchapparat im Inneren meines Kopfes an. Es muss doch noch eine unkomplizierte Lösung geben. Leicht frustriert steuerte ich auf den Kabelsalat im obersten Fach meines Regals zu. Dort warf ich alles rein, was irgendwie technisch ist. Neben SD-Karten, Kameraobjektiven und Lan-Kabeln vor allen Dingen Eines: Ladekabel. Ladekabel für Rasierapparate, Ladekabel für Handys, Ladekabel für meine Kamera, Ladekabel für mein Tablet. Viele. Ladekabel. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass davon eines in meine Musikbox passte? Ich schätzte grob.

Null.

Besonderes Interesse erregte das Ladegerät meiner Kamera. Jenes Ladegerät, welches ich im letzten Jahr erst als eines der letzten Gegenstände gekauft hatte. Das Gerät bestand aus einer Buchse, in die der Kamerakku zum Laden hineingelegt wird. In diese Buchse führte das Ladekabel selbst. Das Ladekabel, dessen Ende verdächtig nach dem Ende aussah, das das Ladekabel der Musikbox hatte. Ich probierte es aus. Und konnte es nicht fassen. Es passte. Es lud.

Hallelujah!

Niemals. Ich wiederhole. Niemals wäre ich vor meinem “Jahr ohne Zeug” daraufgekommen, so etwas auszuprobieren, sondern hätte mir mit wenigen Klicks ein neues Kabel bestellt. Wer hätte ahnen können, dass ausgerechnet der Neukauf des Kameraladegeräts gleich 2 Fliegen mit einer Klappte schlagen würde. Danke “Jahr ohne Zeug” für diesen Moment.

An meiner Gewohnheit, meine technischen Geräte zur Nutzung freizugeben, hat sich nichts geändert. Lediglich, nicht zu früh aufzugeben, wenn es scheint, als sei Kaufen die beste Lösung, hat sich noch viel tiefer in mich eingeprägt.

Also dann. Ich bin jetzt mal Musik hören.

Hat sich selbst geheiratet, reist durchs Land und erzählt von Leben, die nicht in Lebensläufe passen. Ritualbegleiter in Ausbildung. Selbstexperimentateur von Konsumpause bis Grundeinkommen. Gedichtehebamme.

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