Jahr ohne Zeug: #3 Shoppende Freunde. #Verhaltensänderung

Jahr ohne Zeug: #3 Shoppende Freunde. #Verhaltensänderung

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Jahr ohne Zeug: #3 Shoppende Freunde. #Verhaltensänderung

"Die Tour war letztendlich sogar überraschend geldfreundlich für alle Beteiligten(könnt daran liegen, dass keine weiblichen Personen dabei waren ^_^). Jeweils ein Paar der oben gen ...

„Die Tour war letztendlich sogar überraschend geldfreundlich für alle Beteiligten(könnt daran liegen, dass keine weiblichen Personen dabei waren ^_^). Jeweils ein Paar der oben genannten Flip-Flops, Marke QuikSilver, für je 24$ gabs für nen Freund und mich. Der Rest ist ohne was Neues zurück gefahren. Das heißt aber nicht, dass wir nicht trotzdem um die 10 Läden durchstöbert haben. Adidas, Puma, Quiksilver, Urban Outfitters, Foot Locker, Oakley…um nur einige zu nennen. Also Stil haben die Kanadier schon, das kann man nicht leugnen ;D.“

Mein „Jahr ohne Zeug“ war bereits weit fortgeschritten, als ich diese Worte eines 16-jährigen las. Und ich musste schlucken. Neben dem Experiment an sich war eines noch viel herausfordernder für mich: Nicht missionieren wollen. Wenn das Experiment am Ende des Jahres vorbei ist, ich keine Spielregeln verletzt habe, aber niemand aus meinem Umfeld beschließt, 2016 das gleiche auszuprobieren, was habe ich dann erreicht? Geht es nicht die ganze Zeit darum, ein Signal zu setzen? Etwas, das zum Nachahmen einladen soll?

(Du weißt nicht, was es mit dem Jahr ohne Zeug auf sich hat? Dann lies am besten erstmal hier: http://www.pierrelischke.de/2015/11/30/jahr-ohne-zeug-0-die-spielregeln/ )

„Ansonsten war in der Woche nicht viel los, bis auf eine kleine Shoppingtour am Samstag. Dort hab ich es endlich hingekriegt meine kanadische SimKarte zu aktivieren, mit der Onlineaktivierung stand ich auf Kriegsfuß. Jeder von uns 3en hat sich nen Oberteil gekauft…meins werdet ihr nachher noch auf nem Bild sehen ;-). Für umgerechnet 35€ hab ich nen spitzen Pullover gekauft.(Keine Sorge Mama…dafür halt ich mich in den nächsten Wochen wieder zurück mit dem Geld :p). “

Aber ich wollte um Gottes Willen nicht der Veganer sein, der Würggeräusche macht, wenn sich jemand ein Steak brät. Ich wollte bloß nicht wie der Nichtraucher sein, der Vorträge über den üblen Zustand der Lunge referriert, wenn ein Kumpel eine Zigarette anzündet. Aber die Welt wäre doch eine bessere, wenn niemand mehr überflüssige Gegenstände kaufen würde! Das kann doch nur einleuchten, wenn ich shoppenden Freunde erzähle, warum ihr Konsum schlecht für den Planeten ist!

„Samstag war mal wieder Shoppingtag und zwar in dem Einkaufszentrum, wo ich meinen blauen Pullover her hab. Eigentlich wollt ich mir ne Jeans und ein T-Shirt holen…aber dann kam alles anders :D.Momo war auf der Suche nach einem Party-T-Shirt und so sind wir in H&M rein. Dort hang dann ein Hut, den ich aus Spaß aufgesetzt hab…dann noch schnell ne Sonnebrille aufgesetzt…irgendwie sahs dann gut aus :D. Eine Kopfdrehung weiter, sah ich ein Hemd und das hab ich mir natürlich gleich zum anprobieren mitgenommen…denn „wenn dann richtig“. Leider gabs das Hemd nur in S und L…natürlich hät mir nur M richtig gepasst, wie ich später feststellen musste. Momo ging gleich nen Schritt weiter und hat sich neben seinem T-Shirt noch nen Sakko gegriffen. […] Wie gesagt hat mir das Hemd leider nicht gepasst, genauso wie Momo das Sakko nicht gepasst hat, aber eine Größe größer stand ihm ausgezeichnet…eigentlich aus Spaß hab ich dann das kleinere Sakko anprobiert…ihr ahnts bestimmt schon…es sah gut aus ^_^. Ohne viel zu überlegen hab ich mir den Hut, die Sonnenbrille und das Sakko gekauft – alles zusammen 101.25$. Ob ich das Sakko behalte oder nächste Woche zurückgeb, weiß ich noch nicht. Zum einen ist es mir ein wenig zu klein und zum anderen wärs vielleicht sinnvoller sowas in Deutschland zu holen. “

 

Als ich diese Blogbeiträge las, wurde ich sehr demütig. Dieser 16-jährige war ich.

2009 machte ich ein Auslandssemester in Kanada und bloggte für Freunde und Familie, um sie auf dem Laufenden zu halten. Ich beschrieb mein College, das Leben auf dem Campus und meine Wochenendaktivitäten.

Shopping.

Wäre mir vor dem erneuten Lesen dieser Artikel ein 16-jähriger begegnet und hätte mir etwas in derselben Art erzählt, wäre ich ihm sofort weniger wohl gesonnen. Ich hätte mich besser, fortgeschrittener, erhabener – schlicht weltrettender gefühlt. Und das auch raushängen lassen. Und jetzt bin ich plötzlich dieser 16-jährige Junge, der fröhlich darüber berichtet, wie er Geld für Klamotten ausgibt. All das, gegen das ich eigentlich ankämpfen wollte.

Und Vorträge über die Schädlichkeit meines Lebensstils wären damals definitiv nicht auf fruchtbaren Boden getroffen.

Puh.

Gleichzeitig realisierte ich da erst so richtig, welchen Weg ich bereits gegangen bin. Vom Pierre, der für 100 $ Klamotten shoppt zum Pierre, der das letzte Kleidungsstück vor 4 Jahren gekauft hat. Vom Pierre, der auf der Höhe der Technik ist, die neuste Canon Spiegelreflexkamera, das aktuellste Tablet, die beste BluetoothBox neukauft zum Pierre der immer noch dieselbe Kamera nutzt, ein altes Nokiahandy einem Smartphone vorzieht und auf das Ausleihen eines Minilaptops zurückgreift, wenn das Tablet den Geist aufgibt.

Was war in der Zwischenzeit passiert? Wie vollzog sich der Wandel in meinem Konsumverhalten ohne, dass mir jemand ein schlechtes Gewissen machte? Ohne, dass es entsprechende Vorbilder in meinem Freundes- oder Familienkreis gab?

Der Unterschied zu einem beliebigen 16-jährigen, der mir von seinem Shoppingerlebnis berichtet hätte, zu dem 16-jährigen, der die Blogbeiträge aus Kanada geschrieben hat: Ich kenne meine Motive. Warum für mich während des Auslandssemesters Shopping wichtig war? Zum ersten Mal war ich auf mich alleine gestellt. Ich lebte auf dem Campus in einem Wohnheim. Keine Gastfamilie. Stattdessen ein 12 m² Zimmer mit einem kanadischen Studenten, der nur alle drei Tage da war. Keine Eltern, die ich um Erlaubnis bitten musste. Niemand, der mir vorgibt, wie ich diese 4,5 Monate zu gestalten hatte. Freiheit. Freiheit, zu sein, wer ich möchte, an einem Ort, an dem mich niemand kennt. Freiheit zumindest so zu tun, als würde ich gerne Klamotten kaufen. Erwachsen werden können. Hut, Sonnenbrille, Sakko? Alles das passte nicht zu dem Pierre, der ich war, als ich losflog. Aber alles das passte zu dem Pierre, der ich sein wollte, wenn ich wieder zurückkam. Hip, selbstbewusst, gemocht. Eigenständig.

Mein Shopping war eine Frage der Identität.

Hinter jedem Kauf, den wir tätigen stecken ein oder mehrere Bedürfnisse, die wir uns damit erfüllen wollen. Bei Lebensmitteln und Getränken ist das in der Regel noch ziemlich offensichtlich: Uns ernähren. Aber selbst da spielt noch mehr mit rein. Trinken könnte ich auch den ganzen Tag Leitungswasser, aber warum kauf ich trotzdem Wasser in der Flasche, dessen Inhalte weniger stark geprüft werden? Vielleicht, weil ich unterwegs trinken können möchte. Vielleicht, weil das normal in meinem Umfeld ist.

Als ich das für mich begriffen hatte, konnte ich anfangen, Alternativen für meine Kaufimpulse zu finden. Zum Beispiel, wenn mir wichtig war, mir einfach mal was zu gönnen, um mich selbst für etwas zu belohnen. Anstatt mir dann ein neues Computerspiel, einen neuen MP3-Player oder nen Pulli zu kaufen, konnte ich zu meiner Lieblingsmusik durchs Zimmer hüpfen, ein langes entspannendes Bad nehmen oder einen Festivalbesuch buchen.

Und machmal konnte ich auch das Bedürfnis selbst hinterfragen. Brauche ich wirklich ein modernes Smartphone, weil das alle haben oder reicht mir ein normales Handy? Es wäre gelogen zu behaupten, dass bei solchen Fragen Geld überhaupt keine Rolle gespielt hätte. Dennoch war “bewusst Konsumieren” auch da schon ein Motor.

Das passierte alles noch vor meinem “Jahr ohne Zeug”. Es ist also für mich nichts gewesen, was von heute auf morgen eine riesige Umstellung bedeutete.

Fun Fact: Die FlipFlops von QuikSilver nutze ich immer noch. Der Pulli aus Kanada hängt gerade auf dem Wäscheständer.

Veränderung ist also vielleicht nur eine Ansammlung kleiner Schritte. Erst fing ich an, weniger Klamotten zu kaufen. Dann hörte ich auf, immer den schnellsten PC haben zu wollen. Ich achtete darauf, lieber wenige und dafür solche technischen Geräte zu kaufen, die länger halten. Das sind die kleinen Schritte mit denen aus dem 16-jährigen KanadaPierre, der 24-jährige zeugfreie Pierre wurde. Ich glaube aber, Schritte alleine reichen nicht. Eine Richtung, eine Art Norden im inneren Kompass braucht es genauso. Nur dann bauen die Schritte logisch aufeinander auf.

Bei mir war dieser Norden: Im Einklang mit dem Planeten und meinen Werten handeln. Darauf kann ich mein Konsumverhalten jederzeit überprüfen und entscheiden, welcher der nächste Schritt ist, den ich gerade in diese Richtung gehen kann und möchte. Und dann einfach einer nach dem anderen.

Und manchmal ist es auch ein größerer Sprung. Manchmal heißt es auch, ein Jahr lang keine Gebrauchsgegenstände kaufen.

Was ich dann verstanden habe: Für jede Person ist dieser “nächste logische Schritt” ein anderer. Seien es für den Anfang Bücher, die nur noch gebraucht gekauft werden. Seien es 4 statt 2 Wochen, die zwischen den regelmäßigen Shoppingmalltrips liegen.

Am Ende brauch ich also nicht missionieren. Ich kann Hände reichen, für den nächsten Schritt. Ich kann Mut machen für den nächsten größeren Sprung. Ich kann helfen, den eigenen Norden zu schärfen. Und ich kann an mein Kanada-Ich denken, falls mir jemand den Vogel zeigt, während ich von meinem “Jahr ohne Zeug” erzähle.

Hat sich selbst geheiratet, reist durchs Land und erzählt von Leben, die nicht in Lebensläufe passen. Ritualbegleiter in Ausbildung. Selbstexperimentateur von Konsumpause bis Grundeinkommen. Gedichtehebamme.

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