Jahr ohne Zeug: #1 Wenn alles kaputt geht. Worauf kann ich wirklich verzichten? #kopfhörer

Jahr ohne Zeug: #1 Wenn alles kaputt geht. Worauf kann ich wirklich verzichten? #kopfhörer

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Jahr ohne Zeug: #1 Wenn alles kaputt geht. Worauf kann ich wirklich verzichten? #kopfhörer

Die Kombination zweier meiner Wesenszüge haben das “Jahr ohne Zeug” für mich besonders herausfordernd gemacht. (Du weißt nicht, was es mit dem Jahr ohne Zeug auf sich hat? Dann ...

Die Kombination zweier meiner Wesenszüge haben das “Jahr ohne Zeug” für mich besonders herausfordernd gemacht.

(Du weißt nicht, was es mit dem Jahr ohne Zeug auf sich hat? Dann lies am besten erstmal hier: http://www.pierrelischke.de/2015/11/30/jahr-ohne-zeug-0-die-spielregeln/ )

Wesenszug Nr. 1: Ich liebe Musik. Vor allem das Hören von Musik. In den letzten Jahren gab es kaum eine Fahrt mit der S-Bahn, U-Bahn, mit dem RE oder dem Bus, bei der ich „Musik“ nicht zumindest in Griffreichweite hatte. Angefangen mit meinem ersten MP3-Player als ich 12 war und auf die 64 MB Speicherplatz nur meine Sarah Connor CD passte. Musik auf den Ohren hilft mir abzuschalten, Bahnfahrten zu kleinen Wellnesstrips werden zu lassen und auch dabei, nicht angesprochen zu werden.

Wesenszug Nr. 2: Ich stopfe alles im Alltag Wichtige in meine Jacken- und Hosentaschen. Nicht nur in meiner alten Schulklasse war ich deswegen bereits berühmt dafür, jederzeit als schnellster Taschentuchpackungen aus diesen hervorzuzaubern. Meinen Schlüssel und mein Portemonnaie habe ich aus denselben Gründen bloß drei Mal in meinem Leben irgendwo liegen lassen oder zu Hause vergessen. Der Hosen- und Jackentaschencheck gehören zur absoluten Routine. Was ich außerdem immer dort verknotet und verworren reinstopfe: Kopfhörer.

Nicht so gut.

Wer selbst Kopfhörer nutzt, kennt bestimmt den Moment, in dem eine Seite der Kopfhörer immer unzuverlässiger funktioniert. Erst fehlt nur hin und wieder der Bass. Mit der Zeit setzt der Ton für mehrere Sekunden komplett aus. Spätestens dann fühle ich mich besonders clever und probiere aus, in welche Richtungen ich das Kabelende biegen muss, damit der Ton ohne Probleme “durchfließt”. Das klappt höchstens für eine Woche.

Ohne mein Konsumexperiment wäre ich zu diesem Zeitpunkt in den Saturn gegangen, hätte mich über die 15 € geärgert, die Kopfhörer kosten, die bei mir eh nur 4 Monate halten, und hätte wieder unterwegs Musik in Stereo hören können.

So einfach ist das im “Jahr ohne Zeug” nicht. Leider. Zum Glück.

Zum Glück Leider.

Also, was jetzt? Ein halbes Jahr auf Musik in der U-Bahn verzichten? Keine neuen Kopfhörer kaufen? Einen Joker einsetzen? Kann man sowas reparieren?

Vor 3 Jahren war ich bereits soweit, dass mich der ständige Kopfhörerneukauf genervt hat. Glücklicherweise wollte mir mein Papa damals neue Kopfhörer zum Geburtstag schenken und ich konnte mir aussuchen, welche. Sie sollten drei Kriterien erfüllen:

  • Zu groß, als dass ich sie zerknüllt in meine Hosen- oder Jackentaschen stopfen konnte.
  • Ein stabiles Kabel besonders am Kabelende, dass nicht so leicht Verschleißerscheinungen zeigt.
  • Gute Tonqualität, bei der ich auch laut Musik hören kann, ohne, dass die ganze S-Bahn mithören muss.

Genau solche Kopfhörer fand ich. OverEar und somit zu groß für die Jackentasche, flaches statt rundes Kabel und verstärkt am Kabelende. Perfekt.

Ich habe also vorgesorgt für das “Jahr ohne Zeug”.

Über die letzten 3 Jahre habe ich diese Kopfhörer sehr lieb gewonnen. Es gab kaum Anlässe, zu denen ich das Haus ohne sie verlassen habe. Der Bügel war mit der Zeit ziemlich verfranst und ich spielte regelmäßig mit dem Gedanken, einen schönen Stoff darumzuwickeln, um sie wieder hübsch aussehen zu lassen. Aber das war irrelevant, als sie im August diesen Jahres den Geist aufgaben. Klassischer Fall:  “Erst fehlt nur hin und wieder der Bass. Mit der Zeit setzt der Ton für mehrere Sekunden komplett aus. Spätestens dann fühle ich mich besonders clever und probiere aus, in welche Richtungen ich das Kabelende biegen muss, damit der Ton ohne Probleme “durchfließt”. Das klappt höchstens für eine Woche.“

Das war’s. Meine Lieblingskopfhörer waren defekt. Ausgerechnet 2015. Ich hatte mich an die Tonqualität gewöhnt. Ich hatte mich daran gewöhnt, die Kopfhörer an kühlen Tagen über meiner Mütze zu tragen, damit der Wind weniger an meine Ohren zog. Das war jetzt echt blöd. Was waren meine Optionen? Einen Joker einsetzen und dieselben Kopfhörer nochmal kaufen? Fühlte sich nicht stimmig an. Ich war bis hier ohne Joker gekommen. Es schien mir als wäre genau das die Prüfung, die ich mir mit dem Experiment auferlegt hatte. Auferlegen wollte. Jetzt einen Joker einzusetzen, hätte sich feige angefühlt.

Und vielleicht ist das der erste Schritt hin zu bewussterem Konsum von Gebrauchsgegenständen. Dass wir uns erlauben, kaputten liebgewonnen Gegenständen hinterherzutrauern. Vielleicht ist das der Schritt, vielleicht ist das die Atempause, die wir uns sonst nicht erlauben. Sonst, wenn wir reflexartig am nächsten Tag das nächste “Ding” auf Amazon bestellen oder im Media Markt kaufen. Weil alles ersetzbar geworden ist. Und in diesem Jahr sind meine Kopfhörer eventuell nicht ersetzbar. Und das muss wehtun dürfen.

Je mehr ich nicht mehr vom Primat des Nachkaufbaren ausgehe, werde ich umsichtiger. Dann stopfe ich meine Kopfhörer nicht mehr gewaltsam in meine Hosentasche. Dann gebe ich dem Toaster doch noch eine Chance und biege das Toastgitter wieder gerade, anstatt ihn wegzuschmeißen.

Was ich im Fall meiner Kopfhörer getan habe, ist am Ende vielleicht gar nicht so wichtig, solange ich nicht neue Kopfhörer gekauft habe.

Nach genauerem Suchen in meinem Zimmer, fand ich schlussendlich alte InEarKopfhörer von mir, die mich vom Sound und Tragekomfort voll überzeugt haben. Nach ein paar Wochen der Umgewöhnung, waren sie ständig bei mir und ich über den Verlust meiner alten Kopfhörer hinweg.

Jetzt verlass ich gleich das Haus. Meine Kopfhörer in den Ohren. Ich werd auf sie aufpassen.

Hat sich selbst geheiratet, reist durchs Land und erzählt von Leben, die nicht in Lebensläufe passen. Ritualbegleiter in Ausbildung. Selbstexperimentateur von Konsumpause bis Grundeinkommen. Gedichtehebamme.

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